Mittwoch, 16. Januar 2013

Der große Diktator

Der große Diktator



Irgendwann erreichte der Zug Biel, das die Welschen Bienne nennen. Dort war man seit Generationen damit beschäftigt, die Zeit zu messen und teure Uhren zu konstruieren. Mein ferner Bekannter Vlad Drăgoescu, ein politisch verfolgter Architekt aus Bukarest, hatte in Biel Asyl gefunden. Über Amnesty International hatten wir uns kennen gelernt, die ihn adoptiert und in der Zeit der politischen Verfolgung in Rumänien betreut hatten. Wir standen nunmehr in Briefkontakt.

Nach Biel änderten sich die Ortsschilder und vermutlich auch die Mentalität. Jetzt ging es hinein in die französischsprachige, in die welsche Schweiz. Vorerst konstatierte ich nur den sprachlichen Unterschied, nicht mehr. Vielleicht war der Zug zu schnell. Gelegentlich verließ ich den mir teuren Fensterplatz, legte Karte und Reiseführer aus der Hand und ging im Korridor des Zuges auf und ab, um möglichst viel von der mir noch unbekannten Gegend zu sehen.

Viele Jahre hatte ich depriviert, eingeschränkt und eingesperrt leben müssen. Jetzt bot sich mir die Gelegenheit, zahlreiche Eindrücke unterschiedlicher Art zumindest visuell zu erfassen. Immer noch war ich wissbegierig und interessierte mich für alles, was Erkenntnisgewinn versprach. Obwohl ich schon manches gesehen hatte, nahm ich neue Eindrücke immer noch auf, wie ein trockener Schwamm einen Wassertropfen aufnimmt, mit einer gewissen Gier und Lust zugleich. Die Befürchtung, etwas zu versäumen, war groß.

Mal nach links, Mal nach rechts blickend, genoss ich die immer pittoresker werdende Umgebung. Unweit deutete sich der Lac Gruyére an, ein Freizeitparadies, wo auch die Schweizer gerne Urlaub machen mit der märchenhaften Kleinstadt aus dem Mittelalter, umgeben von dicken Festungsmauern und Türmchen. Alphornbläsern kann man dort lauschen und einen einzigartigen Käse probieren, dessen Reservequalität zum Besten gehört, was aus Kuhmilch erzeugt werden kann. Ja, aus Greyerz stammte der Favorit unter meinen Lieblingssorten, ein Käse der Sonderklasse, den ich dem Appenzeller vorzog, obwohl letzterer mehr demokratischen Urgeist eingeatmet hatte, aber auch etwas Frauenfeindlichkeit. Ich aber liebte die Emanzipation und die frauliche Frau dahinter!

Schokolade! Käse! Und kein Mist! Doch viel Geld, das man - um des schnöden Mehrwerts willen - streuen soll wie Mist! Das alles war die Schweiz!

Auf der rechten Seite kam jetzt Fribourg in Sicht, das schweizerische Freiburg. Als Handlungsreisender in Sachen Freiheit war mir das wiederum sympathisch. Neben den Franzosen, die für ihre Liberté auf die Barrikaden gingen und sich für Gerechtigkeit und Brüderlichkeit abschlachten ließen, verstehen auch die Schweizer etwas von Freiheit. Ihre Verfassung erinnert daran und ein Kernsatz daraus. Seit Tells Zeiten haben die Eidgenossen den hohen Wert stets gehegt, gepflegt wie ein seltenes Pflänzchen - wie ein Edelweiß - und ihn bis heute erhalten. Irgendwann kam dann endlich der lange erwarte Lac Leman ins Blickfeld, der majestätische Genfer See, umgeben von einer eindrucksvollen Landschaft mit schicken Nobelvillen und grünen Rebhängen.

Steinreiche aus aller Welt lebten hier, Leute, die sich – fern jeder Verpflichtung – nur über ihren Besitz definierten, Fürsten, Hoheiten, gekrönte Häupter und - fern von allen - der König der Komödianten -Charlie Chaplin, ein Unverstandener, ein ewiger Idealist auch er.

In seiner Hitlerpersiflage Der große Diktator, die zu dem köstlichsten gehört, was je in jenem Genre zu dem traurigen Thema produziert wurde, ist alles antizipiert, was das Wesen eines Gewaltherrschers ausmacht - bis hinein in die Einsamkeit des Tyrannen und in die Krankheiten jener Einsamkeit. Die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus ist in dem Film unübertrefflich vorweggenommen, auf satirische und parodistische Art. Er kam in die Kinos noch bevor der Weltenbrand einsetzte. Und er hätte ihn mit verhindern helfen können, wenn er nicht als Propaganda abgetan und missverstanden worden wäre. Immer wenn ich ihn sah, berührte er mich, selbst ermüdet in tiefer Nacht - wie mich Witz und Geist eines Heine oder Nietzsche berührten. In der Diktatur, aus der ich kam, wussten nur wenige von diesem Streifen - und die allerwenigsten hatten ihn je auf der Leinwand gesehen! Weshalb wohl?

Im See spiegelte sich das Sonnenlicht. Lausanne kündigte sich an, eine andere freie Stadt am See, in deren Mauern ein kleiner, unscheinbarer Mann mit seiner Familie Zuflucht gefunden hatte - ein zarter Dichter aus Rumänien.

Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur



Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten -

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