Montag, 14. Januar 2013

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen


Das menschliche Leben ist viel zu kurz, um alle Erfahrungen selbst machen zu können. Deshalb sollte wenigstens etwas von dem Wesentlichen, das man selbst erlebt hat, aufgeschrieben werden, auch wenn Skepsis und aufkommende Misanthropie eher dazu verleiten, die Intimität in das Selbst zu verschließen - und, vielleicht für immer, zu schweigen. Manchmal wird das Schreiben zur Selbstüberwindung, manchmal aber zur Pflicht. Ich unterwarf mich weiterhin der Pflicht.

Schon wenige Tage nach meiner Einreise in die Bundesrepublik hatte ich mit der aufklärenden Öffentlichkeitsarbeit begonnen. Zunächst beschrieb ich meine politischen Erfahrungen, informierte die Medien über Hintergründe der Dissidenz in Rumänien und veröffentlichte einiges, obwohl ich langsam an dem Sinn eines öffentlichen Agierens zu zweifeln begann. Früher, in der Enge sozialistischer Gefängnismauern, hatte ich gefühlt wie Tantalus und Sisyphus. Jetzt im weiten Land uneingeschränkten Freiseins kam ich mir allmählich vor wie ein melancholischer Don Quichotte, der, an Idealen festhaltend, gegen die Windmühlen kämpft - gleich einer tragischen Figur auf der Weltbühne und wie ein Protagonist des Absurden.

Ungeachtet des aufziehenden Politikekels, der mich, nach dem Tiefschlag bei Amnesty international in London, mehr und mehr zum Rückzug in die Philosophie, Musik und Literatur drängte, folgte ich dem Pflichtgebot und machte weiter. Doch die meisten Informationen, die ich an die Öffentlichkeit brachte, verpufften weitgehend ungehört in der Flut anderer Meldungen und versiegten nahezu wirkungslos. Selbst die sonst gründliche wissenschaftliche Forschung, die auch nicht alles rezipieren kann, ignorierte so wichtige Phänomene, wie das einer größeren freien Gewerkschaftsgründung im Ostblock lange vor Solidarnosc, was dazu führte, dass historische Ereignisse über Jahrzehnte unbekannt blieben.

Neben dem chronischen Desinteresse Deutschlands an den Entwicklungen in Rumänien wurde unsere Aktion gerade durch die weltgeschichtlichen Ereignisse in Polen massiv überlagert. Als auswärtiger Sprecher der Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger SLOMR verfasste ich noch 1981 im Namen der Vereinigung ein Solidaritätsschreiben an Lech Walesa, in welchem ich die Sympathie und die moralische Unterstützung der rumänischen Arbeiter und des westlichen Unterstützungskomitees bekundete. Der ausbleibende Rückschein signalisierte mir jedoch, dass der Brief bereits in den Auswirkungen des Kriegsrechts untergegangen sein musste, das General Wojciech Jaruzelski im Dezember über Polen verhängt hatte, um Solidarnosc zu stoppen. Durch die Ereignisse in Polen wurden die schon weitgehend abgewürgten und erstickten Gewerkschaftsbewegungen in Rumänien vollständig überlagert und in den Hintergrund gedrängt.

Was ich damals veröffentlichte, erreichte in der Regel nur eine Handvoll Menschen im Westen - und sensibilisierte Charaktere aus der Exillandschaft. Am 1. März 1981 erschien in der Freien Rumänischen Presse in London mein Zeitzeugenbericht Ein Schritt zur Freiheit, der die Frage nach dem Verbleiben der SLOMR mit den Hinweis beantwortet, die Freie Gewerkschaft wäre noch relativ intakt anzutreffen, wenn ein freier Zugang zu den Gefängnissen des Landes gegeben wäre. Und mein Bericht klingt mit den visionären Worten aus: Seien wir nicht skeptisch. Die Idee hat überlebt und trägt Früchte. Die Errungenschaften, die Mahatma Gandhi, Luther King und Lech Walesa kennzeichnen, werden auch wir in Rumänien erreichen. Das war Zweckoptimismus, doch auch eine insgeheim gehegte Vision. Wer an eine Idee glaubt und von ihr über Jahre erfüllt ist, zählt auch auf ihre Vollendung. Hinter meinem Bericht stand der spätere Präsidentschaftskandidat Ion Raţiu aus London. Mit dem anderen demokratischen Kandidaten Radu Câmpeanu, unserem Mistreiter aus Genf, hatte Raţiu gegen den Altstalinisten und Wendehals Iliescu die erste halbdemokratische Wahl nach dem Sturz von Diktator Ceauşescu verloren. Als wir über Vladimir Krasnosselski aus Genf im Dialog standen, glaubte er an die Möglichkeit eines demokratischen Umbruchs und ermutigte mich weiter zu machen. Im Gegensatz zu anderen Schriftstellern deutscher Zunge, etwa zu Herta Müller, die sich später rühmte, nie ein Wort in rumänischer Sprach geschrieben zu haben, schrieb ich auch in Rumänisch - und eben für jene, die später die Demokratie in Rumänien mit aufbauen sollten. Die Sache zählte, nicht die Mittel. Kurz darauf, im Herbst des gleichen Jahres, veröffentlichte ich in der Zeitschrift Menschenrechte zwei Berichte über politische und religiöse Verfolgungen in Rumänien: Die Arbeiterbewegung in Rumänien - Anders als in Polen und Christen in rumänischen Gefängnissen, in welchen ich auch auf unsere Vorreiterrolle einging.

Menschenrechte war das Publikationsorgan der, wie es sich später herausstellte, etwas rechtslastigen Gesellschaft für Menschenrechte, der immerhin einige bekannte Völkerrechtler angehörten wie mein späterer Lehrer Blumenwitz. Zu dieser Gesellschaft hatte ich schon vor Jahren von Rumänien aus Kontakt aufgenommen, ohne ihre ideologische Ausrichtung objektiv einschätzen zu können. Als ich dann gedrängt wurde, über die politischen Verfolgungen und religiösen Diskriminierungen zu berichten, beschrieb ich die selbst erlebte Zeit von den Minenarbeiterstreiks im Schiltal bis zur Niederschlagung der freien Gewerkschaftsbewegung SLOMR und der angestrebten CMT-UNO-Klage sowie die religiöse Dissidenz vor allem der neoprotestantischen Glaubensrichtungen. Aus dem Kontakt mit der späteren Internationen Gesellschaft für Menschenrechte wurde mir ein Aspekt bewusst, der auch heute noch präsent ist und manche Geister irritiert. Ein Dissident, der ehemalige SLOMR-Begründer Ionel Cană aus Bukarest ist ein Beispiel dafür, nutzt nahezu jede publizistische Plattform, um seine Informationen, Ideen und Thesen bekannt zu machen, auch auf die Gefahr hin, instrumentalisiert zu werden.

Später folgten sechs ausführliche Interviews über die Entwicklung der Opposition in Rumänien und über die Rolle des rumänischen Exils, die in den folgenden Jahren in dem Publikationsorgan des Demokratischen Kreises der Rumänen in Deutschland, in der von Ion Solacolu redigierten Zeitschrift Dialog, erschienen. Der promovierte Chemieingenieur formte in dieser Zeit mit persönlichem Einsatz und mit spärlichsten Mitteln Dialog zu einer der substantiellsten Exilzeitschriften in rumänischer Sprache. Im Rahmen meiner Möglichkeiten half ich ihm dabei als Mitwirkender. Das alles - bis hin zur angestrebten Klage in Genf - war weniger als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Aber es war immerhin mehr als nichts.

Nach dem Abitur nahm ich in Erlangen ein Universitätsstudium auf mit dem Ziel, im völkerrechtlichen Umfeld im Bereich der internationalen Organisationen tätig zu werden, möglicherweise als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes. Das Außenministerium hatte in schweren Zeiten nicht nur Kollaborateure der Macht wie Ribbentropp geformt, sondern auch eine Reihe von Widerständlern hervorgebracht. Vorbilder wie Trott zu Solz, die mich genauso beeindruckten wie der schwedische Diplomat Raul Wallenberg, der sich persönlich in Gefahr brachte und wohl auch opferte, um unzählige Verfolgte zu retten. Ungeachtet zunehmender kultureller Prioritäten und aufkommenden Überdrusses an politischen Dingen gab ich das menschenrechtliche Engagement nie auf und machte weiter, solange ich gebraucht wurde.

Dringend gebraucht wurde ich seinerzeit als Zeitzeuge gerade in Genf, wo CMT und UNO dabei waren, das zunehmend despotischer agierende Regime von Präsident Ceauşescu dem Verdikt der Völkergemeinschaft zu unterwerfen. Also musste ich in die schöne Stadt am See, wo mich ein Herr Ganea und ein Monsieur Robert erwarteten. An dieser Stelle biss sich die Schlange in den Schwanz. Finis tragoediae?




Das Gebäude der rumänischen Gauck-Behörde CNSAS



Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten,

Leseprobe,
Foto: Carl Gibson


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