Dienstag, 15. Januar 2013

Herbst 1989 - Revolutionäre Umbrüche in Ost-Europa - vom Sturz des letzten Diktators und vom Ende einer Epoche


Herbst 1989 - Revolutionäre Umbrüche in Ost-Europa - vom Sturz des letzten Diktators und vom Ende einer Epoche


 

Es war im Oktober 1989, genau zehn Jahre nach meiner Heimkehr. Die Zeit der Ernte, die Zeit, den Lohn langer Arbeit einzufahren. Auch für mich. Im September war meine Lenau-Monographie erschienen, eine Studie über einen großen Dichter aus dem Banat, an der ich etwa fünf Jahre gearbeitet hatte - im Verborgen fast und nur im Dienst der Wissenschaft. Mein Idealismus hatte sich verlagert und einen neuen Forschungsgegenstand entdeckt - die Literatur-Geschichte. Auf der Frankfurter Buchmesse konnte ich bereits meinem Verleger aus der Distanz dabei zusehen, wie er den Band in der Hand wog, ihn kritisch beäugte und ihn dann ausstellte. Der Verkauf lief überraschend gut. Er wirkte zufrieden. Und ich, der wissenschaftliche Jungautor, der etwas hybrisdurchdrungen eine müde dahin schleichende Lenau-Forschung ankurbeln wollte, war es zunächst auch noch.

Dann reiste ich in das politisch schon instabile Ungarn nach Mosonmagyarovar, um im Rahmen einer Lenau-Tagung mein Buch vorzustellen. Viele Hoffnungen verbanden sich mit dem Projekt. Wer lange gesät, gehegt, gepflegt, gezittert und geschwitzt hat, will irgendwann einmal die Früchte seiner Taten genießen, in stiller Anschauung und Kontemplation. Auch ich.

Doch es kam anders - auf vielen Ebenen. In dem memorialistischen Parallelwerk zur Symphonie, in: Gegen den Strom – Deutsche Identität und Exodus, das diejenigen lesen sollten, die noch mehr und genaueres über das Davor und Danach wissen wollen, berichte ich auch aus dieser kritischen Zeit.

 

Die Leipziger Freiheitsdemonstrationen wurden heftiger. In Prag wurde die Deutsche Botschaft von Flüchtlingen überrannt. Das Regime in Ostberlin, für alle sichtbar am Ende, verfiel in Apathie. Michail Gorbatschow forderte die Einlösung der von ihm auf dem Weg gebrachten Reformen ein - die Umsetzung von Glasnost und Perestroika, auch in der DDR. Schließlich nahm die Idee der Freiheit überhand und fegte das morsche Regime seniler Altkommunisten einfach weg. Die Mauer fiel - und mit ihr das Bollwerk des Ostblocks, dessen politisches System den Weltfrieden bedroht hatte.

Während dieser Zeit, als meine aktive Dissidenz bereits mehr und mehr in den Hintergrund trat, schwappten die revolutionären Ereignisse auch auf Rumänien über, in die letzte und finsterste Bastion eines real existierenden Sozialismus. Im Geist von Glasnost und Perestroika war es auch dort bereits vor Jahren zu individuellen Widerstandsbewegungen gekommen; 1987 zum großen Aufruhr von Kronstadt in Siebenbürgen - und jetzt folgte, an einem Funken des religiösen Protests entzündet, die Temeschburger Revolution. Etwas von der Saat freiheitlichen Aufbegehrens, die wir Bauernjungen und Gärtnersöhne aus dem Banat einst ausgebracht hatten, schien auf fruchtbaren Boden gefallen und aufgegangen zu sein. In meiner Geburtsstadt, die Dissidenten wie Ana Blandiana und Dorin Tudoran hervorgebracht hatte, tobte in den ersten Dezembertagen des Jahres 1989 ein kleiner Bürgerkrieg. Panzer fuhren auf. Maschinengewehre ratterten. Geschosse peitschen durch die Luft und töteten Menschen, darunter zahlreiche Unbeteiligte und Friedfertige.

Was war geschehen? Als der ungarische Pfarrer Tökes gegen seinen Willen und im Dissens zu geltenden Bestimmungen der Amtskirche von seinem Wirkungsort in Temeschburg entfernt und in einen entlegenen Ort im Landesinneren versetzt werden sollte, um so von seiner treuen Gemeinde abgeschnitten zu werden, entschlossen sich seine Anhänger zum Widerstand.

Zunächst rebellierten Gläubige der ungarischen Minderheit aus Temeschburg und widersetzten sich offen der staatlichen Willkür, die ihnen mit Pfarrer Tökes einen geistig-religiösen Führer und oppositionellen Kristallisationspunkt rauben wollte. Nachdem sich immer mehr Rumänen der Rebellion angeschlossen hatten, erfassten die Unruhen weite Teile der Josephstadt und griffen unmittelbar danach auf ganz Temeschburg über. Bereits nach wenigen Tagen befanden sich ganze Landstriche des Banats und somit der westliche Landesteil Rumäniens in hellem Aufruhr.

Selbst im beschaulichen Sackelhausen vor den Toren der Stadt fielen Schüsse und forderten Opfer. In wenigen Tagen starben, wie man heute weiß, allein auf den Straßen von Temeschburg mehr als 150 Menschen - Kämpfer, Revolutionäre, Unschuldige, viele von ihnen im Kampf für das Ideal der Freiheit als politische und individuelle Selbstemanzipation. Von offizieller Seite aus, namentlich aus den Desinformationszentralen der Securitate, wurden astronomisch übertriebene Opferzahlen nach außen vermeldet, um damit den Einsatz des Militärs gegen Zivilisten zu rechtfertigen.

Fünfzigtausend Tote sollte es gegeben haben und mehr - Zahlen die von westlichen Medien, die kaum wussten, wo Temeschburg lag, bereitwillig und unkritisch übernommen wurden. Als der Aufruhr der Massen gegen die Diktatur im Land seinen Lauf nahm und sich bereits eindeutig zur nicht mehr friedlichen revolutionären Bewegung steigerte, saß ich konsterniert vor dem Fernseher und verfolgte, tausend Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt, die Ereignisse auf den Straßen, auf denen ich meine Jugend zurückgelassen hatte. Von der zweitgrößten Stadt des Landes ausgehend, weiteten sich die revolutionären Ereignisse innerhalb von kaum zwei Wochen auf andere Regionen aus, ergriffen weitere urbane Zentren im Landesinnern, einschließlich die Hauptstadt Bukarest. Dort kam es zur offenen Revolte. Rebellen, die Barrikaden errichtet hatten und zur Ausweitung der Massenerhebung aufriefen, wurden von Repressionseinheiten der Securitate und loyalen Teilen der Armee gnadenlos niedergemetzelt.

In der Weihnachtszeit, wo die Christliche Welt Einkehr halten und besinnliche Tage der Harmonie erleben wollte, fielen 1989 in den Straßen der Hauptstadt mehr als tausend Menschen, bevor der hohe und im damaligen Ostblock einmalige Blutzoll zur Ablösung der letzten Schreckensherrschaft in Osteuropa führte.

1000 Menschenleben - wofür? Nach Berlin, Budapest und Prag!

Für die Freiheit in allen ihren Formen! Für das freie Leben nach der lange währenden Diktatur! Markanterweise vollzog sich der Sturz von Diktator Ceauşescu und seiner ebenso machtbesessenen Gattin vor den Augen der Welt. Jeder Fernsehzuschauer konnte realitätsnah mitverfolgen, wie ein vom eigenen Volk zurückgewiesener Ceauşescu strauchelte, wankte und fiel - und wie mit ihm nahezu paradigmatisch - verdrängt von der Wucht der Freiheit, die Zeit der Diktatoren in Osteuropa endgültig zu Ende ging.

Es war ein Schlüsselereignis - und doch auch nur die Konsequenz von Abläufen, die mit der ungarischen Grenzöffnung, der Botschaftsbesetzung in Prag und den Herbstdemonstrationen in Leipzig begonnen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die Berliner Mauer bereits von Mauerspechten durchlöchert worden und faktisch gefallen. Die Grenze zur ehemaligen DDR war seit zwei Wochen für beide Seiten durchlässig geworden. Und ich hatte mich gleich am ersten Tag der Grenzöffnung von Coburg aus nach Thüringen begeben, um dort freudig empfangen zu werden und in tausend bewegte Augen zu blicken.

Der Eiserne Vorhang riss irreparabel an vielen Stellen. Siebzehn Millionen Deutsche fanden ihre Freiheit wieder, Abermillionen Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Bulgaren, Balten und bald auch Rumänen. Der Ostblock löste sich allmählich auf und mit ihm das große Völkergefängnis Sowjetunion, aus dem ganze Staaten in die Souveränität entlassen wurden. Die Menschen in Europa und in der Welt durchlebten damals weltgeschichtliche Tage, ergreifende Tage der Freiheit und der Hoffnung, an deren Genese auch mancher Oppositionelle und Dissident aus unseren Reihen eine winzige Kleinigkeit mitgewirkt hatte.

Jetzt bekam unser Tun von damals einen neuen Sinn. Ein märchenhafter Traum wurde wahr. Literatur, Forschung und Wissenschaft traten für mich für kurze Zeit in den Hintergrund. Die Erhabenheit des historischen Augenblicks ließ alles Profane weichen. Wie viele Millionen Menschen im Alten Europa und in anderen Teilen der Welt, saß auch ich täglich vor dem Fernseher, manchmal fast rund um die Uhr, und verfolgte gebannt wie euphorisiert politische Veränderungen und Abläufe, an deren Verwirklichung ich selbst schon fast nicht mehr geglaubt hatte. Wie andere Landsleute und Patrioten gewahrte ich mit Staunen, wie die politischen Kontrahenten von einst, Willy Brandt, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker und andere stimmgewaltige Volksvertreter die Worte Einigkeit und Recht und Freiheit sangen; und ich fühlte, wie der lange von vielen deutschen Patrioten geträumte Traum von der deutschen Einheit näher rückte. Aber ich sah auch die zerknirschte Mine von Margret Thatcher, die Deutschland so sehr geliebt hatte, weil es gleich zwei davon in Europa gab und den versöhnlicheren François Mitterand, der mit der Tatsache leben musste, dass es, ungeachtet aller Menschenopfer in den Weltkriegen, immer noch mehr Deutsche gab als Franzosen. Gleichzeitig vermerkte ich aber auch die wohlwollende Haltung der Vereinigten Staaten von Amerika als Gegengewicht, an deren Spitze ein Präsident stand, der noch ein Staatsmann war und der den eigendynamisch abrollenden Triumphzug der Freiheit noch aus früheren Erfahrungen heraus zu würdigen wusste. George Bush, der Vater des weniger begnadeten und wenig glückhaften US Präsidenten gleichen Nachnamens, hatte als Diplomat den Kommunismus in Maos Reich ausgiebig beobachten können, um die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen, um sich auf die Seite der freiheitlichen Versöhnung zu schlagen und des Zusammenklangs - nicht nur für Deutsche, um ihnen die Einheit zu bringen, sondern für alle bis dahin unterjochten Völker Osteuropas als ein Akt der Wiedergutmachung für das nach 1945 erlittene Unrecht.

Während ich vom Rausch der Ereignisse ergriffen im Fernsehsessel hin und her rutschte, rollte vor meinen Augen große Geschichte ab, besondere Geschichte, einzigartige Geschichte - deutsche Geschichte. Und ich verfolgte die welthistorischen Ereignisse als Betroffener, teils exzessiv unter Adrenalinauswirkung wie früher, teils als Staunender wie vor der Enigmatik des Universums. Gleichzeitig schielte ich tief in den Osten hinein, nach Temeschburg, nach Bukarest, nach Rumänien, Bulgarien und in die langsam zerbröckelnde Sowjetunion Michael Gorbatschows und somit in eine Welt, mit der ich längst noch nicht abgeschlossen hatte. Emotional war ich noch dort - und mittendrin, obwohl mein Lebensweg weiter nach Westen drängte, über den Ozean hinaus, in die Neue Welt, bis nach Amerika vielleicht.

Unmittelbar nachdem ich an Weihnachten 1989 zum ersten Mal die deutsche Landesgrenze in die lange von Sowjets besetzten Gebiete überschritten und die Menschen der dahinschwindenden Pseudodemokratie erstmals in Freiheit erlebt hatte, bestieg ich mit Erwin ein Flugzeug nach New York.

Die Amerikareise war bereits vor Monaten geplant worden, zu einem Zeitpunkt, als die turbulenten Umwälzungen des Spätherbstes in ganz Osteuropa noch nicht erahnt werden konnten. Wer hätte solche Entwicklungen voraussehen können? Es war bereits unser zweiter Trip in die Vereinigten Staaten, in das immer noch viel bewunderte Land der großen Freiheiten und Möglichkeiten. Seit der ersten Erkundungsreise in den imaginierten Garten Eden, in das moderne Schlaraffenland, wo immer noch Milch und Honig flossen, waren fünf Jahre verflossen. Wir hatten damals einen Winter in Florida erlebt - mit halbreifen Apfelsinen, die ein plötzlich einbrechender Frost auf dem Plantagenboden verstreut hatte. Wir hatten tief verschneite Appalachen gesehen, dann aber auch ein sonnenverbranntes Kalifornien ohne Regen, die Mohave-Wüste und das Tal des Todes - und ein depressives Amerika der Bodenspekulanten, das danieder lag wie die Preise an der Wall Street: ein Amerika in der Rezession.

Doch diesmal, zwei Jahre nach dem Großen Crash, wollten wir andere Dinge erleben, schönere, erhabenere Sachen. Diesmal wollten wir unbedingt auch die Statue der Freiheit aus der Nähe betrachten, deren Miniaturausgabe ich einst in Paris bewundert hatte. Während wir vom weihnachtlichen Würzburg aus zum Frankfurter Flughafen aufbrachen, tobte in den Straßen von Bukarest noch immer ein undurchschaubarer und blutiger Bürgerkrieg, dessen Ausgang ungewiss war. Ein bloßes Wegsehen war ebenso unmöglich wie das Mitfühlen mit den Menschen im Revolutionsgeschehen, schon gar nicht für Betroffene. Der Geist eilte schon nach New York voraus, während das Herz noch in Temeschburg verweilte, in den Straßen an der Bega, woher immer neue Horrorgeschichten an unser Ohr drangen. In Bukarest tobte ein Bürgerkrieg. Chaos überall, Nebelschleier und Buschtrommel. Bewusst aufnehmen konnte ich nur das, was über die Nachrichtensender und Fernsehkanäle kam. Allerdings klang das meiste davon widersprüchlich und irreal. Was war Information, was gezielte Desinformation? Wer bezweckte was? Teile der Armee schossen auf Teile der bewaffneten Securitate. Dabei verloren innerhalb von Tagen gute tausend Menschen ihr Leben, unter ihnen viele Unbeteiligte. Ein paar Kampfszenen aus der Hauptstadt, deren Straßen uns noch in Erinnerung waren, hatten wir beide noch vor der Abreise über den Bildschirm flimmern sehen. Sie glichen den Tumulten in Temeschburg: überall Tote, Mythen, Mären, Schreckensmeldungen, irreal anmutende Horrorgeschichten, in welchen sich Fiktion und Wahrheit mischten, doch wenig Konkretes. Es knallte im Fernsehen - wie in einem Kinostreifen mit John Wayne. Und immer wieder fragte ich mich, wer schoss auf wen? Wer hatte überhaupt Waffen, um auf andere zu schießen, außer der nationalen Armee und dem Sicherheitsdienst Securitate? Und was sollte die plötzlich in die Welt gesetzte Mär von arabischen Terroristen, die irgendwie in das Revolutionsgeschehen eingegriffen haben sollten? Wer streute diese Meldungen? Wer lenkte die Nachrichtenagenturen und das staatliche Fernsehen, nachdem der Diktator abgetreten war? War das nur gezielte Ablenkung, um obskuren Einzelakteuren zu einem Coup d’etat zu verhelfen? Vieles erschien mir undurchschaubar - schließlich hatte ich seit zehn Jahren das Land verlassen.

 

Der Lotse geht von Bord! Und die Ratten folgen … auf den Thron - Deja- vu?


 

Der Diktator war inzwischen vom Dach des Zentralkomitees aus mit einem Hubschrauber geflohen. Nun jagte er wie ein Verfolgter durch das eigene Vaterland - und keiner wollte ihm Zuflucht gewähren. Keiner der vielen Speichellecker, die zwei Jahrzehnte von seiner Gunst profitiert hatten, wollte den Flüchtling aufnehmen. Nun, wo sich das Blatt endgültig zu wenden begann, lockte es keinen der einstigen Vasallen, den über alles geliebten Sohn des Volkes aufnehmen zu wollen. Keiner wollte dem Schöpfer der Gesellschaft des Lichts Obdach bieten. Und keiner wollte den Titan der Titanen  beherbergen und beschützen!

Nicolae Ceauşescu, noch vor Stunden ein Gigant und Übermensch, war plötzlich ein Strauchelnder und Fallender, nur noch ein Pygmäe, ja ein Homunkulus gar. Nutzlos geworden, war die lästige Drohne auf einmal aus dem Bienenstock geschubst worden - sie war überflüssig und somit reif für das Schafott! Fraß die Revolution ihre Kinder erneut auf - wie die Ungeheuer im Mythos und wie Stalin und Marat, Danton, Robespierre in der historischen Wirklichkeit?

Nur von der rankünehaften wie intriganten Elena begleitet, streunte Ceauşescu durch seine walachische Heimat wie ein Aussätziger, wie einer jener vielen Vagabunden im Land, die er mit seinen Dekreten in die Gefängnisse verbannt hatte, nun selbst vogelfrei wie ein Schwerverbrecher im Wilden Westen. Der Steckbrief fehlte noch an den Zäunen. Doch Ceauşescu war längst zum Abschuss frei gegeben, von seinen Ziehsöhnen und einstigen Gegnern, die nun bereit waren, seine Stellung einzunehmen. Der Despot hatte die Zeichen der Zeit verkannt, nicht anderes als Honecker und Schivkov.

Aus der kurzen Flucht wurde ein unwürdiges, demütigendes Trauerspiel, das an byzantinische Grausamkeiten erinnerte. Sein Volk, dem er so manches unfreiwillige Lichtjahr beschert hatte, lies ihn plötzlich fallen. Das Genie der Karpaten, der Fixstern, vor dem die Sonne erblasste, stürzte ikarusgleich wie ein verglühender Komet in ein schwarzes Loch.

Etwas von letzter Verlassenheit, ein Gefühl, das mancher politische Dissident im Land hatte in einsamer Zelle hatte erleben dürfen, wurde nun auch ihm zuteil. In einer düsteren Kaserne nahe der alten Herrscherresidenz Tîrgovişte, wo Vlad der Pfähler 10. 000 Türken auf grausamste Weise auf Eichenpfählen hatte aufspießen lassen, erlebte der Held der Arbeiterklasse Nicolae Ceauşescu sein Golgotha. Der Zufall hätte keinen schrecklicheren Todesort auswählen können! Der Horror der Geschichte und mit ihm etwas von dem Terror, den er selbst gesät hatte, holte ihn jetzt ein und wurde ihm zum Schicksal. An jener Schädelstätte, wo Wüterich Vlad einst strafend spießte und siedete, wurde das Diktatorenehepaar von einstigen Untertanen festgesetzt. Wie schon mancher Bojar, Fürst und gekröntes Haupt vor ihnen wurden sie dann von denselben Vasallen vor ein Schnellgericht gestellt, abgeurteilt wie deutsche Widerstandskämpfer, bald darauf einem Exekutionskommando überantwortet - und mehr provisorisch als standesrechtlich hingerichtet. Tragische Entwicklungen rollten ab, fern der abendländischen Kultur - byzantinische Grausamkeiten am Rande Europas!

Das alles verfolgte ich aus der Ferne mit Grausen und Verwunderung, ohne zu begreifen, dass die gesamte freie Welt halb ohnmächtig, ja gelähmt zusah, ohne einzuschreiten. Da ich den Menschen Ceauşescu nie gehasst hatte, kam diesmal sogar Mitleid auf und Abscheu vor der Praxis, staatlich sanktionierte Lynchjustiz zu üben, nur aus Gründen des politischen Kalküls und der Staatsräson!

Staatsanwalt und Henker waren rasch gefunden. Man hätte auch unseren Richter Niculai Busuioc herbei zitieren können. Er hätte als gehorsamer Diener seiner Herren die zugewiesene Aufgabe vorbildlich erledigt - aus Liebe zur Pflicht und zur Wahrheit.

Doch andere waren näher am übernationalen Handlungsgeschehen und schneller. Hier konnten sie sich die Sporen verdienen. Einmalige Chancen winkten. Einen Diktator mit zur Strecke gebracht zu haben, war das keine Empfehlung für die segensreiche Zukunft?
 

 

Strippenzieher und Marionetten, Wendehälse und Chamäleons


 

Als der selbst erklärte Lotse mit der Arbeiter-Kappe von Bord gedrängt wurde, folgten ihm die Ratten schnell; doch nicht ins Wasser und in den Abgrund, wie seinerzeit in Hameln; sondern hinauf auf den Thron. Ein quicklebendiger Diktator gleicher Herkunft und fast gleichen Schlages löste schnell den bald schon toten Tyrannen ab.

Die Wende! Die Umkehr und die Kehre!? Die Zeit der Wendehälse, die Zeit der Chamäleons brach an, ganz nach dem Muster aus den Bruderstaaten. Das Paradigma des Neuwerdens lief bereits in der DDR ab.

Viele Abläufe des Kommenden konnten dort zeitverzögert in großen Zügen nachverfolgt und realitätsnah studiert werden. Es war der Einstieg in eine neue Zeit. In eine Zeit des Umbruchs, wo aus loyalen Funktionären der Nomenklatur über Nacht Patrone wurden, die das Land unter sich aufteilten wie das Fell des Tanzbären, der noch exekutiert werden musste oder das Purpur Christi unter dem Kreuz. Dabei wurden, wie überall und zu allen Zeiten auf der Welt, die vielen Armen, denen schon immer alles gehört hatte, wieder einmal vergessen.

Das Fähnlein hatte gedreht. Jetzt ging’s nach neuen Meeren. Neuer Wind kam auf und mit ihm kamen neue Herausforderungen. Was zählten da die Taten von vorgestern? Die Vasallen von gestern schritten mutig zur Tat; und sie machten - ganz im Geist Robbespieres und einer gleichmachenden Internationale - reinen Tisch und dem einstigen Conducator, dem Führer, der Lichtgestalt der neuesten Zeit, einen Kurzen Prozess!

Fast wollte ich den Bildern nicht recht trauen, als sich vor den Augen der Welt jene Ironie des Schicksals vollzog: genauso wie man uns vor den Kadi gezerrt hatte, stand nun Ceauşescu vor seinem eigenen Volksgerichtshof, von ihm einst bestellten Richtern ausgeliefert, für die Rechtsbeugung zum guten Ton gehörte.

Da stand er nun, der geliebteste Sohn des Volkes - als Opfer eines Systems der Willkür, das er selbst ausgebaut und gegen andere eingesetzt hatte!

Schon wieder ein Deja vu-Erlebnis? Auf den Landesvater, geflohen wie König Karl und König Michael, kam der Jüngste Tag zu und das Jüngste Gericht. Die Könige hatten überlebt und nicht schlecht weiter gelebt. Doch dem Diktator winkte der Schlund der Hölle! Wieder einmal verschlang eine Revolution ihre eigenen Kinder - und, wie es schien, mit großem Genuss!

Staatsanwälte und Richter hatten ihre Freude daran. Ihr neues System, das den Rumänienkenner, nicht nur fern an die Vergeltungspraktiken Vlad des Pfählers erinnerte, war ebenso rücksichtslos wie gnadenlos. Der in Ungnade gefallene Führer, ein Bewunderer des grausamen Walachenfürsten Vlad Ţepeş, wurde nun genauso unwürdig und beleidigend behandelt wie seit den Anfängen des Stalinismus im Nachkriegsrumänien Regimekritiker, Dissidenten und anders denkende Bürger nach seinen Verdikten und Edikten behandelt worden waren.

In der juristischen Farce jenseits aller Legalität, in jener Groteske, die unsensibel vor der Weltöffentlichkeit ausgestrahlt wurde, um zu signalisieren, dass mit Ceauşescus Ende auch das Ende des Kommunismus in Rumänien angebrochen war, wurde er, der übermächtige Führer von gestern, der nicht den geringsten Widerspruch geduldet hatte, genauso schäbig behandelt wie ein Straßenköter oder ein Bandit, ganz nach den Spielregeln des Systems, das er selbst herangezüchtet hatte. Plötzlich blieb von dem einst absolutistisch regierenden Despoten, der an Selbstherrlichkeit selbst den Sonnenkönig übertrumpfte, nur noch ein großes Nichts übrig, ein verhöhnendes Du!

Nach Robbespiere, Marat, Saint-Juste, Danton …war es jetzt Nicolae Ceauşescu, der Bauernsohn aus Scornicesti, der vom langen Arm der Arbeiterrevolution erreicht wurde! Die Bewegung, die einst mit dem Sturm auf den Winterpalast des Zaren begonnen hatte, fraß erneut ihre eigenen Kinder, um sich dann für immer aufzulösen. Oder war es die Schergen der Konterrevolution, die ihm jetzt den Garaus machten? Ceauşescu hätte es wissen können, wenn er während seiner Kaderausbildung in Moskau die Geschichte der Französischen und der Bolschewistischen Revolution aufmerksamer studiert hätte.

Der über Nacht antiquierte Diktator wurde reduziert, eingedampft zur Nummer, zum Schrumpfkopf, zur Fratze - und dies von den eigenen Leuten. Also wiederholte sich die Geschichte doch!? Und das Grauen der Geschichte! Vlad Draco winkte wie Kapitän Ahab – aus der Hölle!

Die Marionette hatte ausgedient. Vielleicht war er schon zu Lebzeiten nicht mehr als eine mumifizierte Puppe, eine hohle Larve, die nur eine von Moskau vorgegebene Rolle vortrug, eine Nummer, die einen Platz ausfüllte, aber jederzeit ersetzbar war.

Die eigentlichen Entscheidungen wurden längst von anderen Strippenziehern getroffen, von geschickten Wendehälsen und Chamäleons, die sich selbst einen galanten Ausgang sicherten, indem sie die inzwischen ungeliebte Führerfigur absägten. Die Drohne hatte ihre Schuldigkeit getan - sie durfte weichen.

Die Farben wechselten wie die Stimmungen. In der Bundesrepublik Deutschland gab es noch Möglichkeiten und Kontrollinstanzen, die Chamäleons und Wendehälse der DDR zu beobachten. Wer sollte diese Aufgabe in Rumänien übernehmen? Die Götter im Olymp vielleicht? Oder die wenigen in ein unfreiwilliges Exil gedrängten, weit versprengten und weltanschaulich uneinigen Dissidenten? Die Untergrundkämpfer und Ruhiggestellten im eigenen Land?

In Polen avancierte der schlichte Arbeiterführer Lech Walesa zum Staatschef!

In Tschechien der differenziert denkende Intellektuelle Vaclav Havel!

Was wurde aus den rumänischen Oppositionellen? Sie wurden entweder korrumpiert oder kurzfristig als moralisches Feigenblatt vereinnahmt. Bald darauf wurden kritische Intellektuelle ruhig gestellt, indem sie entweder in wenig einflussreiche Pöstchen abdrängt - oder, was am einfachsten war, gleich nach altem Muster diffamiert und diskreditiert wurden. Irgendwann löste sich das gesamte kritische Oppositionspotential in Luft auf - keiner von ihnen übernahm wirklich politische Verantwortung.

Kein Zwangsexilierter wurde rehabilitiert. Schon Monate nach dem Sturz wurden Bürgerrechtler und Menschenrechtsaktivisten einfach nicht mehr gebraucht. Jene aus dem Westen schon gar nicht.



 

In freier Luft - oder: Der letzte Diktator Europas … Im Staub!


 


Als unser Flugzeug Minuten nach dem Start in höhere Sphären aufgestiegen war, wurden Zeitschriften verteilt. Eine braun gebrannte Stewardess reichte mir eines der bekannteren Nachrichtenmagazine Amerikas, ich glaube, es war die Newsweek, mit einem Lächeln. Gut gelaunt grinste ich zurück. Doch das Schmunzeln verging mir wieder, als der sich senkende Blick das Titelbild erfasste. Ein verschwommenes Foto war darauf zu sehen, das Bild einer am Boden liegenden, verzerrt ins Leere starrenden Leiche: Es war Ceauşescu - im Staub! Das Unschöne, ja Schreckliche als Wahrheit! Der Schock wirkte. Für Momente zuckte ich zusammen wie einer, dessen Seele tief berührt wird. Doch bald fing ich mich wieder und stupste den fast schon eingenickten Freund mit den Worten:„Schau dir das Mal an! Da liegt Ceauşescu … Tot! In einer Lache Blut!“

Erwin übernahm das US-Nachrichtenmagazin und sah sich das Foto lange an. Es schien, als ob ihn die Echtheit der Botschaft nicht überzeugte. Wir hatten so manche Finte erleben müssen. War das nun wieder nur ein alter Trick aus der Wunderkiste der Securitate, ein inszeniertes Manöver, die Weltöffentlichkeit zu täuschen? Eine Fotomontage vielleicht? Eine neue Maskerade, um Zeit für den Gegenschlag zu gewinnen? Einige Andeutungen Erwins gingen in diese Richtung. Doch seine Kommentare blieben karg. Schließlich gab er mir die Zeitschrift zurück, in dem er lakonisch bemerkte, dies sei das wohlverdiente Ende einer Drohne. Scheinbar wollte er nicht weiter darüber reden.

Für ihn war eine Ära zu Ende, die eigentlich eine Epoche sein wollte - ein Zeitalter des Lichts! Sein Blick richtete sich seit Jahren auf Amerika, wo er, ungeachtet der erlebten Rezession, ein noch freiheitlicheres Leben erwartete als in der Bundesrepublik Deutschland. Das Individuum lebe dort noch freier, glaubte er. Mit der Vergangenheit in dem kommunistischen Staat hatte mein Streitgefährte seit seiner Ausreise abgeschlossen. Zumindest glaubte er, dass es so war. Für ihn war mit der Zäsur ein weiterer Ring in der persönlichen und historischen Entwicklung vollendet. Die Geschichte konnte wieder eine Unperson aufnehmen, eine, die negative Geschichte geschrieben hatte - wie andere hundert Tyrannen seit der Antike. Wieder eine Marionette weniger!?

Doch was war mit dem System des realexistierenden Sozialismus? Hatte es sich selbst überlebt?

Was wurde aus den Opfern? Wer wurde überhaupt rehabilitiert? Wann wurden wir rehabilitiert - und zumindest symbolisch entschädigt?

Und was wurde aus dem Repressionssystem, das über Jahrzehnte Angst und Terror verbreitet hatte?

Was wurde aus der berüchtigten Securitate? Wurde sie nur formal aufgelöst, um bald darauf unter dem neue Namen SRI eine Renaissance zu erfahren - selbst im EU-Staat Rumänien? Fragen über Fragen!

Was wurde aus dem Nationaleigentum, für das alle geschuftet hatten. Teilte der Apparat es jetzt unter sich auf - unter dem Deckmantel kapitalistischer Strukturen und mit dem Segen der Europäischen Union? Auch ohne Treuhand und ohne die früheren Besitzer mit einzubeziehen?

Und auf viele Antworten darauf warte ich noch heute!

Wir beide lebten nunmehr zehn Jahre in Freiheit und hatten die Umbrüche der letzten Jahre seit Gorbatschows Umkehr interessiert mitverfolgt; vor allem aber die dramatischen Ereignisse vor dem Fall der Mauer mit tiefer Anteilnahme über die Medien erlebt.

Wir sahen den bewegenden Ereignissen zu, innerlich aufgewühlt mit einem Gefühl eines in Erfüllung gehenden Traumes, einer lange gehegten Aspiration - und mit der Satisfaktion des frühen Mauerspechts, der erste Risse vertieft hat, nicht ganz ohne Stolz, am Lauf dieser positiven Wendung der Geschichte würdig beteiligt gewesen zu sein. Manche Dinge sah ich ähnlich wie mein Begleiter. Andere nicht. Wir waren beide eigentlich nur noch partiell betroffen. Doch ich war an der Dissidentenfront geblieben und hatte noch Jahre nach meiner Ausreise vom Westen aus weiter agiert, um demokratischen Strukturen in Land meiner Geburt zum Durchbruch zu verhelfen. Deshalb war ich emotional noch festgelegter als der Kampfgefährte und Freund.

Menschenrechte für alle - das war mein Leben. So einfach war das Heft des Handelns auch jetzt nicht aus der Hand zu legen - die Pflichtethik sprach dagegen und das Prinzip der Verantwortung, das jeden bestimmt, der die Welt gestalten will.

Erwin war wieder einmal eingenickt. Während er von der Freiheitsstatue träumte, von ungeahnten Möglichkeiten und schönen Tagen in einer besseren und gerechteren Zukunft aller Menschen, blätterte ich weiter in dem Magazin, sah mir weitere Schreckensbilder an und las einige Details über die chaotische Flucht des einst so mächtigen Staatsmannes, dem über Jahrzehnte keiner zu widersprechen wagte.

 

Über den Zinnen von New York - Tragisches Finale mit Happy End


 

 Die Feuer der Erhebungen und Revolten von Temeschburg und Bukarest waren verraucht. Die Glut war verglüht. Und jetzt lag der letzte Diktator Europas im Staub, der Schmach und der Vergänglichkeit preisgegeben. Aus einer grotesken Figur war eine tragisch-komische geworden. Und kaum jemand weinte ihm eine Träne nach.

Das Unfassbare war geschehen. Die kommunistische Ära in Rumänien schien zu Ende zu sein und mit ihr der Kalte Krieg und die Ost-West-Konfrontation in Europa. Darüber hinaus hatte der Kommunismus, der einst als Emanzipation der unterdrückten Völker gestartet war, weltweit als egalitäres Gesellschaftsmodell abgedankt. Der Hort des Kommunismus, die glorreiche Sowjetunion, zerfiel bald in viele bisher klein gehaltene Einzelstaaten.

Brach nun eine Zeit der Harmonie und des allgemeinen Wohlstands an, eine Zeit der Freiheit in all ihren Formen und für alle auf dem Alten Kontinent?

Immer noch bebte ich leicht vor innerer Betroffenheit. Denn solche Nachrichten waren nur schwer zu bewältigen. Erst nach Stunden des Flugs kehrte etwas Ruhe ein. In das lichte Blau des Himmels starrend, ließ ich mich von symphonischer Musik aus dem Walkman berieseln.

Diesmal waren es keine aufbrausenden Töne, keine Beethovensche Symphonie, die mich erregte; ich hörte liebliche Klänge, himmlische Musik, wie sie nur einer komponieren konnte - Mozart. Ich hörte das Adagio des Klarinettenkonzerts - jenseitige Musik, Musik des endgültigen Abschieds und der Wiederkunft. Fast in Trance vernahm ich Musik der Sphären voll kosmischer Harmonie. Jede elegische Stimmung war plötzlich verflogen, jeder Alptraum gebannt. Die Seele ruhte aus und sehnte sich nach mystischer Versenkung. Ein Prinzip hatte triumphiert - die Freiheit!

Also gab mich ganz der Musik hin und mit ihr der unaussprechlichen, unendlichen Freiheit bis das Konzert im großen Finale kulminierte - und dann: ein Paukenschlag!

Verstört schreckte ich auf. Mozarts Zaubermusik war dahin. Es war der Gong, der mich so unsanft aufgeweckt hatte, gefolgt von der bestimmten Aufforderung, die Gurte anzulegen. Es war kurz vor der Landung. Mein Blick schweifte durch das Bullauge.

Wir kreisten bereits über den Zinnen von New York. Das Flugzeug flog eine Schleife, um das jenseits des Hudsons gelegene New Jersey anzufliegen. Die Wolkenkratzer-Skyline kam jetzt in Sicht mit dem markanten Empire State Building und dem Blitzableiter, der in den Himmel ragte. Während das Flugzeug an Höhe verlor und sich schnell der Metropole näherte, deutete sich die Südspitze dieser Megalopolis an: Manhattan, die Skycraper-Landschaft mit einem Postkartengesicht, dem noch keine Schneidezähne fehlten, ein Bild mit den vor wirtschaftlicher Dynamik strotzenden, unverwüstlich erscheinenden, und alles überragenden Twin Towers in Silber, zu deren Höhen ich schon von unten aus geblickt hatte. Und dann, der Südspitze vorgelagert, weit draußen vor dem Hafen im Meer ein Feuer-Symbol, das für die gesamte Nation so wichtig war. Als Kind hatte ich jenes schlichte Wahrzeichen Amerikas auf den kleinen Briefmarken bestaunt, die regelmäßig zu Weihnachten und Ostern zu uns fanden, oft achtlos von Briefboten in den Schmutz geworfen. Jetzt gewahrte ich das Monument in volle Größe. Unter mir, noch in der Ferne, doch schon gut erkennbar, ragte auf einem hohen Podest eine Figur aus der Flut, eine aufrechte Gestalt, dem Koloss von Rhodos nachempfunden: eine engelsgleiche Frau mit brennender Fackel in ausgestreckter Hand! Es war ein Symbol, das das revolutionäre Frankreich den bedrängten amerikanischen Freiheitskämpfern geschenkt hatte als Geste der Solidarität und Zuversicht: Die Werte Liberté, Egalité, Fraternité - und somit die Ideale der Französischen Revolution - sollten in der freien, neuen Welt ihre Verwirklichung finden als ethische Maximen und regulative Ideen der Humanität.

Jetzt sah auch ich die Statue, auf die Amerikas Pioniere hoffnungsvoll geblickt hatten, bevor sie als Einwanderer an Land gingen - und ich erkannte jenes Denkmahl, das wie kein anderes eine Idee verkörpert und diese in die ganze Welt hinausstrahlt - die Freiheit!
 




 

 

Epilog: Quo vadis, Romania?


 

Im Rausch der Freiheit -  Rumänien unmittelbar nach der Revolution


 


 

Der Dichter, der bereits in den Stunden des Umsturzes vor das Mikrofon trat, um seinen Landsleuten sowie der gesamten Weltöffentlichkeit mit wahrem Pathos und aufrichtiger Begeisterung den Sieg des Volksaufstands und die wieder gewonnene Freiheit zu verkünden, war Mircea Dinescu. Für Momente sah es damals so aus, als hätte auch in Rumänien ein Ideal triumphiert; als sei die Diktatur für immer erledigt und mit ihr das kommunistische System, das sie erst ermöglicht hatte. Doch dieser Eindruck täuschte.

Nur wenige Tage nach dem Umsturz, der bald darauf von vielen Rumänen nur als Coup d’ Etat, als Staatsstreich und als Parodie einer Revolution angesehen wurde, und dies, obwohl dabei nahezu tausend Menschen ihr Leben lassen mussten, übernahmen die Altkommunisten um den aus zweiter Reihe aus dem Hut gezauberten Altstalinisten Ion Iliescu die politische Macht.

Waren Mircea Dinescu und andere oppositionelle Intellektuelle, die in den Augenblicken des Umbruchs - wie auf Regieanweisung - kurz in das Rampenlicht rückten, bewusst instrumentalisiert worden? Hatte man sie vorausgeschickt, um die aufgebrachte Stimmung der Massen in eine bestimmte Richtung zu lenken?

Vieles spricht dafür. Denn schon kurze Zeit nach dem vermeintlichen Sieg der Revolution wurden die kaum erst befreiten Dissidenten, Schriftsteller und andere Kunstschaffende wieder ins Glied zurück gedrängt und der politischen Bedeutungslosigkeit überantwortet, während anderswo in Europa der Dramatiker Havel und der kecke Arbeiter Walesa zu Staatschefs erhoben wurden. In Rumänien blieb zunächst, das heißt weitere sieben Jahre, alles beim Alten.

Wer war Mircea Dinescu eigentlich? Was wussten wir von ihm und seiner Dichtung? Während die meisten rumänischen Literaten im Land sich in Konformismus übten; während sie schrieben und veröffentlichten, was die kommunistische Partei von ihnen erwartete - eine Auswahl solcher Kunstkreationen findet sich in der von Virgil Ierunca im Pariser Exil zusammengestellten Anthologie der Scham ; während selbst Autoren deutscher Zunge Sprache damit beschäftigt waren, das Wertesystem ihrer Ahnen literarisch der Lächerlichkeit preiszugeben; während die wenigen Dissidenten im Land bitter verfolgt, zu hohen Haftstrafen verurteilt und in die Gefängnisse geworfen wurden, war Mircea Dinescu einer der wenigen Charaktere in der Intellektuellenszene, die Zivilcourage bewiesen und aufmuckten.

Noch in diktatorischen Zeiten, als das Rebellieren die bekannten Konsequenzen nach sich zog, trat er als sympathischer junger Rumäne auf, der kein Blatt vor den Mund nahm, als einer, der frank und frei alles aussprach, was ihm durch sein phantasiereiches Gehirn ging - und dies beharrlich über Jahre hinweg in Lyrik und in Prosa. Im Westen wurde davon kaum etwas registriert. Eigentlich wussten nur wenige Eingeweihte, die im Rahmen der bestehenden Informationsmöglichkeiten die oppositionelle Szene des Ostens beobachteten, von dem poetisch-moralischen Protest, dem Nonkonformismus und der systemkritischen Haltung des Dichters.

 

Poesie und literarische Opposition - Dichter Werner Söllner liest aus Dinescus Lyrik


 


Man schrieb den 18. November 1989. Es war irgendwo im Frankfurter Raum, in Offenbach vielleicht, in einem öffentlichen Saal. Eine Dichterlesung war angesagt. Werner Söllner, ein Dichter aus der Arader Gegend im Banat, ein paar Jahre älter als ich, seit 1982 im Westen, stellte seinen jüngsten Gedichtband vor. Und - über eigenen Gedichte hinausgehend - noch ein paar aktuelle Verse aus Feder von Mircea Dinescu, die zu einem Bändchen zusammengefasst, gerade taufrisch vorlagen. Beider Werke waren bei Suhrkamp erschienen, in einen Verlagshaus mit Sinn für deutsche Kreationen aus Rumänien, das auch Texte von Pastior, Wichner, Hodjak und früher auch von Goma edierte. Söllner, ein Freund Dinescus, hatte die Gedichte aus dem Rumänischen ins Deutsche übertragen.

Die Veranstaltung war gut besucht. Neben mir saß Ion Solacolu, in dessen Armen vor einiger Zeit Caraion verstorben war, vom Demokratischen Kreis der Rumänen in Deutschland, der als liberaler Publizist Dialog herausgab, mein früherer Mitstreiter aus Genf, exzellenter Beobachter politischer Ereignisse in Rumänien und im Exil. Als Förderer und Editor literarischer Werke war er nicht weniger neugierig als ich selbst, was an kritischer Dichtung auf uns zukam. Dann ging es los.

Söllner, der neben William Totok bald als einer der wenigen Kreativen aus Rumänien in Deutschen Fernsehen über die Entwicklungen in Rumänien Auskunft erteilen konnte, las zunächst aus seinem Band Kopfland. Passagen. Wir hörten Gedichte, verschlüsselte Lyrik und lyrische Reflektionen eines Poeten, der den Raum seines Seins und Wirkens unfreiwillig hatte wechseln müssen; subjektive Auseinandersetzungen mit der Welt, die so war, wie sie war - und in die er, wie später im Gespräch mit Stefan Sienerth vom IKGS bekundete, einfach hineingeboren war. Politische Zwischentöne und Zeitkritik lagen in den Versen verborgen und manches, was sich zum Teil erst nach späterer, tiefergehender Relecture erschloss.

In der zweiten Hälfte der Lesung ging Söllner zur Lyrik seines Freundes aus Südrumänien über und las aus Mircea Dinescus neuestem Gedichtband Exil im Pfefferkorn. Es wurde noch stiller.

Angespanntes Interesse lag in der Luft und ein Hauch von besonderer Erwartung, die nicht enttäuscht wurde. Denn fast fünf Jahre nach der von Michael Gorbatschow losgetretenen Liberalisierungsbewegung Glasnost und Perestroika war Osteuropa am Ende - bis auf Rumänien, wo ein uneinsichtiger Diktator sich verbissen an die Macht klammerte. Durch Ostdeutschland hallten immer noch die Wir sind das Volk-Rufe. Und die deutsch-deutsche Grenze sollte bald für immer offen sein. Doch was tat sich in Bukarest und im weiten Land Rumänien?

Etwas von dem heraufziehenden Aufruhr dort, poetische Präludien der Revolution, konnten von feineren Ohren aus der vorgetragenen Lyrik Dinescus heraus gehört werden. Wir hörten zu - und das merkten die Kunstverständigen schon nach wenigen Versen, wir vernahmen neue, ungewohnte Töne, in einer kräftigen und originellen Sprache!

Viel Mutiges und manches Kritische war dabei; vor allem Gedanken, die auf eine baldige Veränderung der Gesellschaft abzielten und Ideen, wie ich sie vorher bei keinem der deutschsprachigen Dichter im Banat oder Siebenbürgen vernommen hatte.

Werner versah die auch stellvertretend für Dinescu signierten Gedichtbände mit dem Datum - es waren gerade noch drei Wochen bis zur Revolution von Temeschburg und dem Auftakt zum Sturz der Diktatur in Rumänien!

Nach der Lesung diskutierten wir ausführlich über die Gründe seiner Ausreise, über die literarischen Schaffensbedingungen im Westen, über Lyrikrezeption und über die Bedingungen künstlerischer Arbeit im vorrevolutionären Rumänien, speziell über die arg beschnittenen Freiheiten, überhaupt noch Poesie produzieren zu können und als Dichter oppositionell tätig zu sein.
 


Freiheit als Mittel der Demokratie und der schwierige Umgang mit der Freiheit aus der Sicht des kritischen Poeten Dinescu


 

Was konnte Poesie in einer Diktatur leisten und bewirken? Gab es so etwas wie eine kulturelle Résistance? Weil es keine freie Presse und kein Fernsehen gab, haben die Leute versucht, aus unseren Fiktionen die Wahrheit heraus zu erfahrenen, formulierte es Dinescu 1990 im Rückblick in einem Vortrag in Augsburg.

Er gehörte allerdings zu jenen verschwindend wenigen Köpfen, die es gewagt hatten, auch angesichts persönlicher Bedrohtheit und Gefährdung durch den Repressionsapparat konkreter zu werden. Dinescus Gedichte, die in Rumänien damals nicht erscheinen durften, zeugten von einer wirklichen literarischen Opposition.

Nachdem ich 1979 Rumänien verlassen hatte, ging die Opposition gegen das kommunistische Regime im Land, deren tatsächliches Ausmaß erst nach der Revolution bekannt wurde, weiter, auch im Literarischen. In den späten 80er Jahren betraten mutige Charaktere den Plan: Doina Cornea und Ana Blandiana zunächst; und dann - sehr selbstbewusst und furchtlos - eben Mircea Dinescu.

Nachdem er sich öffentlich mit den regimekritischen Dichtern Dan Deşliu und Dorin Tudoran solidarisch erklärt hatte, durfte er selbst nicht mehr literarisch publizieren. Der Maulkorb der verbotenen Dichterin Ana Blandiana galt nun auch für ihn!

Am 17. März 1989 veröffentlichte die französische Zeitung Libération, ein Blatt, das oft auch über die Freie Gewerkschaft rumänischer Werktätiger SLOMR berichtet hatte, ein Interview mit dem Dichter, in welchem Dinescu allegorisch klagt: In Rumänien läuft die Wahrheit mit zerbrochenem Schädel herum, doch die Schriftsteller eignen sich nicht zum messerscharfen Umgang mit der Realität, weil man sie zu Schönheitschirurgen der Macht bestellt hat. Als Folge dieser Klartext-Äußerungen wurde der Dichter zur Unperson erklärt. Er verlor alles und überlebte bis zum Tag der Befreiung durch Revolutionäre im staatlich verordneten Zwangsaufenthalt am Wohnsitz mehr schlecht als recht - aber er überlebte.

Wer war nun prädestinierter über die tatsächlichen Verhältnisse in seinem Land nach der Revolution zu reden als Mircea Dinescu? Goma und Caraion hatte einiges nach ihrer Exilierung zu berichten - und Dinescu hatte es nach dem Zwangsaufenthalt und dem Befreitsein auch. Wie sah er nun den Umbruch zur neu gewonnenen Freiheit und den Umgang der Menschen mit dieser Freiheit?

Im seit jeher toleranten und protestantisch aufgeklärten Augsburg, wo ihm die dortige Universität in aller Eile die Ehrenbürgerwürde verlieh, als zeitgemäße Würdigung seines mutigen Eintretens für Freiheit und gegen Totalitarismus, sagte der Dichter: Es gibt eine Redewendung, die sagt, Du wirst ernten, was Du gesät hast. In Rumänien hat man vierzig Jahre lang Hunger, Angst, Kälte und Dunkelheit gesät, und wir können jetzt nicht erwarten, Licht und Christlichkeit zu ernten. Denn wir finden uns heute in einem Volk wieder, das die Ketten zwar abgeworfen hat, das aber von seiner Freiheit verwirrt ist. Das Volk ist wie jener Löwe, der in Gefangenschaft geboren wurde und nach seiner Befreiung einige male um den Käfig kreist, dann aber sehr versucht ist, in den Käfig zurück zu kehren, um seinen Schlaf fortzusetzen.

Dinescu glaubt an die Notwendigkeit einer moralischen und sozialen Realphabetisierung seines Volkes und an die Rückkehr nach Europa über die Kultur. Gleichzeitig erkennt er, dass sein Volk mit dem errungenen Fundamentalwert nicht umzugehen weiß: Die größte Krankheit in Rumänien ist wahrscheinlich die, dass die Rumänen nicht wussten, was sie mit der Freiheit anfangen sollten, sagte Dinescu in einem Interview vom 13. Mai 1991 mit der deutschen tageszeitung aus Berlin.

Dinescus Einschätzung der allgemeinen politischen Situation des Landes nach der Machtübernahme der Wendehälse für sieben weitere Jahre ist von Desillusion geprägt. Depression ersetzt die einstige Euphorie. An die Macht sind die Professionellen der Macht gekommen, das heißt die zweite Schicht des Apparates. (…) Die jetzt an der Macht sind, sind Söhne ehemaliger Parteifunktionäre.

Vieles blieb beim Alten. Während die rumänischen Dissidenten - im krassen Gegensatz zu Polen und der Tschechoslowakei, wo Walesa und Havel die moralische Erneuerung und Neuordnung ihrer Staaten selbst in die Hand nahmen - , von den Zentren der Macht verdrängt wurden, kehrten alte Verhaltensmuster des kaum erst besiegt geglaubten Sicherheitsdienstes, der, nach Dinescu mächtiger scheint als zuvor, wieder zum Vorschein: anonyme Briefe, Beschimpfungen, Morddrohungen. Es besteht die Gefahr, dass der Sicherheitsdienst eines Tages seine alte Macht wieder innehaben wird.

Das sind erschreckende Prognosen für ein Land, das inzwischen in die Europäische Union aufgenommen worden ist. Heute, im Frühling 2008, ist es kein geringerer als Präsident Băsescu, der das Wiederaufziehen restaurativer Tendenzen befürchtet - sprich den Willen zur Macht zurück von 120 Abgeordneten im Rumänischen Parlament, die noch in irgend einer Form mit der früheren Securitate zusammenhängen.

Dinescu, den andere Kollegen, Leute wie Richard Wagner aus Lowrin im Banat, die nichts für die Erlangung der Freiheit in Rumänien getan haben, eben weil sie keine Dissidenten sein wollten, nur staatsloyale Kritiker, sic!, einen Politclown nennen, nimmt auch nach der Revolution kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Fakten und Wahrheiten anzusprechen. Und er schont dabei die eigene Zunft nicht.

Auf das Datum der Befreiung bezogen sagt er: Bis dahin glaubte ich an eine Art Dissidententum allein in der Kultur. Das war eine Illusion. Viele sehr bekannte rumänische Schriftsteller haben die Rolle eines Vogel Strauß gespielt, haben sich in Metaphern und Bildern versteckt und dabei geglaubt, dass sie Dissidenz betreiben. Zu den Speichelleckern und Verfassern von panegyrischen Versen von gestern vom Schlage eine Păunescu und Tudor sagt er: Die meisten ehemaligen Hofdichter von Ceauşescu sind jetzt Besitzer einer Zeitung oder einer Zeitschrift. Die ehemaligen Parteifunktionäre, die Millionen unter Ceauşescu verdient haben, investieren diese Gelder in Zeitungen. (…) Tragisch und zugleich lächerlich ist auch die Tatsache, dass diese kleinen Goebbels’ unter Ceauşescu nach vier, fünf Monaten der Angst wieder aktiv sind. Sie beherrschen wahrscheinlich die Hälfte der rumänischen Presse.

Ungeachtet seines euphorischen Überschwangs, das den Poeten in Dinescu ausmacht, charakterisiert und diagnostiziert gerade dieser Dichter - von Landsmann Eugen Ionesco für den Nobelpreis vorgeschlagen - die Phänomene seines Heimatlandes in ihrer Wesenhaftigkeit und Substanz, während andere Leute der systemloyalen Schriftstellerin Herta Müller für das Anerkennen einer totalitären Struktur den gleichen Preis zukommen lassen wollen. Wenn der Kopf in den Wolken wandelt, dann erscheint auch das Wolkenkuckucksheim als Ideal - wie bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, die sich für ihren Faut Pas noch bei keinem Betroffenen entschuldigt hat.

Da Dinescu aber mit einem hellen Kopf und einem regen Geist versehen, mitten im Geschehen war, wusste er genau worauf es ankam.

In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen aus dem Jahr 1990 stellt Dinescu deshalb nüchtern fest: Man muss zugeben: in Rumänien gab es leider eine sehr lange Pause in Sachen Demokratie: 45 Jahre oder mehr sind eine unglaublich lange Zeit. Bei uns sind die demokratischen Instinkte, der Spürsinn für echte Demokratie verschwunden. Dann kommt er auf die Freiheit zu sprechen, indem er betont: Viele Leute glauben, dass die Freiheit dies bedeutet - auf die Straßen zu gehen und Steine in die Fenster des Parlaments zu werfen. Die Freiheit ist eine Sache, die gelernt werden soll, man erzieht im Sinne der Freiheit, man erlebt sie allmählich in der Tiefe des menschlichen Wesens. Die Pause in Sachen Freiheit war zu groß. Es ist schon bewiesen: Drei Monate sind keine Zeit, um die Freiheit wieder zu entdecken. Spätere Würdenträger der Bundesrepublik warfen in ihrer pubertären Phase auch mit Steinen, ohne zu ahnen, wessen Haupt sie treffen könnten, doch nur aus Sehnsucht nach Freiheit! Oder? Honi soit qui mal y pense!

Dinescus düstere Bilanz entspringt der Realität des politischen Geschehens nach der Revolution. Als die aufgebrachten Massen protestierender Studenten plötzlich zu viel Demokratie wagen wollten, machte der Wendehals Iliescu schnell von seiner Freiheit Gebrauch, um herbei gekarrte, mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffnete Minenarbeiter auf die rebellierenden Jugendlichen zu hetzen. Wie war das mit dem Freiheitsbegriff bei Elena und Jaspers? Es darf keine Freiheit geben zur Vernichtung von Freiheit! Iliescus Knüppeltaktik bedeutete einen eklatanten Rückfall in diktatorische Zeiten, ein untilgbarer Schandfleck für die künftige Zeit seiner siebenjährigen Regierung - und er verwies auf das wahre Gesicht der Ceauşescu-Nachfolger! Der Schah in Schah und Ajatollah Chomeini hatten es einst vorgemacht - und Margret Thatcher in Nordirland!

Diese Jahre der eingeschränkten und falsch verstandenen Freiheiten waren für den demokratischen Umformungsprozess der Gesellschaft nahezu ganz verloren. Der Umgang mit der Freiheit, das erkannte der Dichter klarsichtig, will gelernt sein - auch von den Mächtigen, bevor eine Kultur der Freiheit entsteht, aus der mehr werden kann.

Dank des beherzten Eintretens vieler Mutiger, denen Dinescu die Zunge lieh, und aufgrund einer gewissen Lernfähigkeit der Mächtigen im Land, hat sich in der Zwischenzeit einiges zum Positiven entwickelt bis hin zur Verurteilung, ja Verdammung des kommunistischen Systems als ein System des Verbrechens. Doch manches andere braucht noch Zeit, viel Zeit.

Demokratische Strukturen, das zeigt auch das Beispiel der ehemaligen DDR und der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, entstehen nicht über Nacht. Sie müssen erst kultiviert werden über die Saat der Freiheit!

Seit 1989 verlor das rumänische Exil fast seine Berechtigung - der Weg der Reformen muss im Land selbst gegangen werden, gestützt von Außenperspektiven wie dieser. Dann kann daraus ein Erfolg werden: für Rumänien und für Europa.

 
 

Die Proklamation von Temeschburg :

 

Paradigma demokratischer Neuorientierung -

 

verfasst von freien Bürgern einer freien Stadt


 


Als ich Temeschburg im Herbst 1979 für nunmehr drei Jahrzehnte verließ, war die Alltagswelt noch weitgehend in Ordnung. So erschien sie mir jedenfalls noch in der knappen Zeitspanne nach der Entlassung aus dem Gefängnis bis zur Ausreise. Die Menschen hatten immerhin noch genug zu essen.

Doch bereits zwei Jahre danach verfiel die ökonomische Struktur des Landes dramatisch. In dem einst wohlhabenden Temeschburg, im Eldorado vieler Rumänen aus dem Norden, sollen Menschen auf einer öffentlichen Kundgebung erstmals nach Brot gerufen haben. Statt der altvertrauten Parole Ceauşescu –PCR riefen die Darbenden plötzlich: Ceauşescu - Păine.

Jeder auch noch so gefürchtete Gewaltherrscher im antiken Rom wusste, dass ein Ende seiner Macht bald bevorstand, wenn die Getreidespeicher leerer wurden. War kein Korn mehr vorhanden, dann versagten selbst die kurzweiligsten Spiele! Ceauşescu, ein Berufsrevolutionär mit bescheidener Bildung, wusste davon nichts. Statt sein Volk mit Brot zu versorgen und mit ausreichend Butter darauf, mutete er den Bürgern weiter zu, mit leeren Magen zu schuften und hungernd und verzichtend die vielfach entwickelte Gesellschaft der Zukunft aufzubauen - mit ihrem Homo novus, dem neuen Menschen des Sozialismus, der in der schon anbrechenden Gesellschaft des Lichts nur noch von Illusionen lebt!

War diese Haltung weniger zynisch als einst jene von Marie Antoinette? Jene verlor bekanntlich den Kopf! Aber auch davon hatte Ceauşescu wohl nichts gehört. Seine politische Instinktlosigkeit, die mehr und mehr alle Realitäten verkannte, musste zum Scheitern führen.

Nach den spontanen Kundgebungen mit dem Ruf nach Nahrung und existentieller Grundversorgung folgten bald weitere gezielte Protestaktionen mit ähnlichen Forderungen, Studentenproteste, Erhebungen, gewaltsame Bergarbeiterstreiks wie jene in Motru, und schließlich der Aufruhr in den Reihen der Arbeiter, die plötzlich Tausende mobilisieren konnten. Endpunkt der immer gewaltsameren Massenproteste war die Revolution von Temeschburg!

Es war das zentrale Ereignis, das letztendlich zum Sturz des Diktators führen sollte. Wohin ging die Reise nach 1989? Welchen Weg sollte die rumänische Gesellschaft nach dem makabren Ende Ceauşescus, das von den neuen Machthabern um Iliescu schon aus Selbstschutzgründen rasch herbeigeführt worden war, beschreiten?

Das Neue musste eine radikale Abkehr vom Alten bedeuten, eine radikale Demokratisierung der Gesellschaft von Anfang an - und keine langwierige Transformation, wie sie dann tatsächlich von Staatschef Iliescu sieben Jahre hindurch betrieben werden sollte.

Alle Grundsätze der künftigen Entwicklung Rumäniens zur Demokratie und in die europäische Integration wurden in der Erklärung von Temeschburg formuliert. Sie ist das Paradigma des Demokratisierungsprozesses des Landes und seiner Konversion von der kommunistischen Diktatur zu einer parlamentarisch-demokratischen Republik westlichen Zuschnitts.

Als ich im Frühling 1990 als ferner Beobachter der Entwicklungen merkte, dass die neuen Machthaber in Bukarest unter dem uns Temeschburgern sattsam vertrauten Iliescu das Rad der Demokratisierung wieder anhalten wollten, den Prozess des Umbruchs für ihre eigenen Zwecke zu nutzen gedachten und dabei die Ideen avantgardistischer Demokraten wieder in den Hintergrund gedrängt werden sollten, machte ich mich daran, die Intentionen der Temeschburger Visionäre zumindest in Deutschland bekannt zu machen.

Die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung druckten meine Stellungnahme als Leserbrief in der Ausgabe vom 9. Mai 1990 ab. Dort schrieb ich folgendes: „Mitte März sendete der immer noch staatlich gelenkte Sender Radio Bukarest eine verstümmelte und abgeänderte Fassung der „Erklärung von Temeschburg“. Der authentische Text dieses inzwischen in den Westen gelangten Aufrufs gibt zu erkennen, weshalb manipuliert werden musste. Diese „Proklamation“, von unmittelbar an der Revolution beteiligten Schriftstellern, Journalisten und Studenten ausgearbeitet und von zahlreichen Bürgerverbänden gutgeheißen, richtet sich primär an die nationale Öffentlichkeit, interessiert, die ideellen Zielsetzungen der - noch nicht abgeschlossenen - Revolution programmatisch zu verkünden und Wege der politischen und ökonomischen Erneuerung zu konkretisieren. Einige Grundzüge dieses wichtigen Zeitdokuments das - wie kaum ein anderes - die politische Stimmungslage in Rumänien widerspiegelt, mögen die demokratische Gesinnung der stark bedrängten Opposition verdeutlichen.

Die Autoren, die sich nunmehr als freie Bürger einer freien Stadt verstehen, weisen in der Erklärung darauf hin, dass die Revolution von Temeschburg (Temeswar) nicht nur antidiktatorisch - also gegen Ceauşescu - sondern im Einklang mit den Aspirationen aller Völker Osteuropas genuin „ antikommunistisch“ ausgerichtet war. Sie wurde, wie weiter ausgeführt wird, von allen sozialen Volksschichten und von den dort lebenden ethnischen Minderheiten „Ungarn, Deutsche, Serben“) getragen. Die Idee eines „politischen Pluralismus“ stand von Anfang an im Vordergrund. „Wir sind überzeugt“, heißt es, „dass eine europäische Demokratie ohne starke Parteien nicht bestehen kann. Alle Parteien, außer den links- und den rechtsextremen, haben in Temeschburg eine Existenzberechtigung. Jede Form von Chauvinismus wird abgelehnt.

Dann erfolgt die moralische Abrechnung mit dem immer noch bestehenden Machtsystem. Die Kommunistische Partei Rumäniens habe sich durch den von ihr zu verantwortenden „Genozid“ selbst aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Deshalb könne sie unter keinen Umständen und auch in keiner Form der Wiedergeburt geduldet werden. Genauso konsequent werden auch die jetzigen Machthaber, deren späte Abtrünnigkeit nicht akzeptiert wird, als Führungskräfte abgelehnt. Kommunisten und Mitgliedern der „Securitate“ sollte innerhalb der nächsten drei Legislaturperioden jede politische Aktivität, vor allem aber das Anstreben des Präsidentenamtes, untersagt werden. Der künftige Präsident des Landes müsse vielmehr durch seine Persönlichkeit die Überwindung des Kommunismus symbolisieren.

Mehrere Abschnitte der Proklamation sind wirtschaftlichen Fragen gewidmet. Es wird darauf hingewiesen, dass die Revolution nicht materieller Natur war. Gleichzeitig warnen die Verfasser vor verfrühten Wohlstandserwartungen und einer daraus resultierenden wirtschaftlichen Instabilität. Das Anheben des allgemeinen Zivilisationsniveaus, etwa der Ausbau des Gesundheitswesens, sollte absolute Priorität genießen. Prinzipiell setzen die Autoren auf ökonomischen Pluralismus. Privatisierung, Dezentralisierung der Wirtschaft und Konvertierbarkeit der Währung sind weitere Schlagworte des Programms. Der Aufruf, alle Exil-Rumänen mögen in ihre Heimat zurückkehren, beschließt das Dokument.

Als gebürtiger Temeschburger und als ehemaliger Dissident sah ich es als meine Pflicht an, sowohl die Intentionen der Proklamation, die in ihrem idealistischen Ansatz und gemessen an der tatsächlichen Realität partiell wie politische Utopie anmuten, als auch die rückwärtsgewandten Prozesse im Land bekannt zu machen.


 






 

Rumäniens schwierige Rückkehr nach Europa - zum Status quo heute


 

Doch der Weg zur Demokratie sollte sich sehr langsam gestalten. Präsident Constantinescu, der mehr Demokratie wagen wollte und deshalb viele Voraussetzungen schuf, die in die richtige Richtung wiesen, resignierte bald. Und selbst jetzt im Jahr 2008, nach Traian Băsescus Verurteilung und Verdammung des Kommunismus in Rahmen des Reports, ist das neue EU-Land immer noch meilenweit von der Demokratie entfernt.

Einiges wurde inzwischen zwar auf den Weg gebracht. Doch die meisten Zielsetzungen der Proklamation von Temeschburg, die auch heute noch eine Meßlatte der Entwicklungen darstellt, wurden noch nicht erreicht. Der Status quo ante besteht immer noch. Viele Securitate-Kommunisten sitzen, wie in Russland teils als Oligarchen getarnt, immer noch an den Hebeln der Macht und bestimmen die Richtlinien der Politik aus dem grauen Hintergrund heraus. Und Rumänien, das von außen als ein monolithischer Block in Bewegung wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit ein zerrissenes Land. Es ist ein Staat, dessen Nation scharf gespalten ist; nicht nur zwischen neureich und arm; sondern aufgeteilt in ein fortschrittlich-demokratisches Lager, zu dem, neben der Schicht der Intellektuellen, die Bevölkerung aus den urbanen Zentren gerechnet werden kann, und einer archaisch skeptischen, eher rückwärtsgewandten Landbevölkerung, die intuitiv und ohnmächtig zur Linken strebt, weil sie sich bei den Repräsentanten der Alten Ordnung besser aufgehoben fühlt als bei den Demokraten, die vom Kleinen Mann oft nicht verstanden werden.

Das rechte und ultrarechte Lager der Hetzer und Demagogen, von welchem der Westen kaum Kenntnis hat, dient den kommunistischen Wendehälsen um Iliescu als Tarnschild, um so vom eigenen Machtstreben abzulenken. Demagogie und Verleumdungen sind an der Tagesordnung in der Politik - und Prinzipien haben es schwer, sich durchzusetzen.








Dissidenten-Schicksale nach dem Umschwung


 

Das Schöne am Idealismus ist die Tatsache, dass Menschen, die von idealistischen Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit und Humanität durchdrungen sind, ein Leben lang Idealisten bleiben - auch wenn die Zeiten sich ändern.

Mircea Dinescu, Ana Blandiana, Doina Cornea und viele andere Bürgerrechtler und Dissidenten blieben bis heute ihren Überzeugungen treu und fahren auch heute noch fort, an der Umsetzung demokratischer Strukturen in Rumänien zu arbeiten. Ana Blandiana, heute europaweit eine anerkannte und vielgefragte Persönlichkeit des kulturellen wie politischen Lebens, ließ sich von den politischen Vereinahmungsversuchen nicht korrumpieren. Sie macht weiter und wirkt von der Gedenkstätte Sighet aus - nicht anders als Doina Cornea, die ebenfalls an ihrem aufklärerischen Weg festhält.

Auch Mircea Dinescu hat die Zeichen der Zeit erkannt. Er hat sich auf die kapitalistischen Umwandlungsprozesse eingestellt, indem er ein großes Gut erwarb und sich dadurch die wirtschaftliche Unabhängigkeit - und somit die geistige Freiheit sicherte. Heute ist er noch genau so mutig wie damals und setzt sich, ungeachtet mancher Desillusion und Anfeindung, für die Offenlegung der Geheimdienstakten und die Rehabilitierung der Opfer ein. Sein kritisches Wort hat immer noch Gewicht in der rumänischen Gesellschaft, obwohl manche Kräfte daran interessiert sind, ihn weiter zu diffamieren und zu diskreditieren, um ihn mürbe zu machen und ihn zum Rückzug aus der moralischen Verantwortung zu bewegen.

Er ist und bleibt ein gesellschaftskritischer Zeitgenosse mit Interesse an der Politik, obwohl ihn seine Landsleute bei der ersten annähernd demokratischen Wahl im Jahr 1990 weder zum Parlamentarier wählten, noch zum Minister machten. Polen und Tschechen hatten anders reagiert, als sie den Symbolfiguren der Freiheit die Geschicke ihren Staaten anvertrauten. Dinescu nahm es lässig hin und aktivierte dafür erfolgreich und zum Verdruss vieler belasteter Ex-Securitate- und Parteibonzen in der Gauck-Behörde Rumäniens CNSAS. Selbst heute noch, nach Jahren weiterer Enttäuschungen auf dem Weg des Landes zu mehr Demokratie und Freiheit, bekennt Dinescu offen, was er denkt, gerade in der öffentlichen Auseinandersetzung mit alten Demagogen aus der Zeit der Diktatur, wenn auch sarkastischer und zynischer als einst.

Um den Ceauşescu-Lobhudlern von gestern, die sich alle eigene Presseorgane zulegten, um ihre Demagogie in eigener Sache möglichst effizient entfalten zu können, sprich: die fortgesetzte Volksverdummung mit anderen Mitteln, nicht ganz das Feld zu überlassen, gründete Dinescu - vom ehemaligen Präsidenten Iliescu als Gutsbesitzer diffamiert - eigene Blätter und greift darin gezielt in die politische Diskussion ein. Mit den mutigen Dichterinnen und Schriftstellerinnen Blandiana und Cornea bleibt er auch jetzt, im Jahr 2008, nach dem offiziellen Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union, ein Gewissen seiner Nation.

 

 


Vergangenheitsaufarbeitung, Vergangenheitsbewältigung und die obskure CNSAS


 

Nicht zuletzt dank seiner Glaubwürdigkeit und moralischen Integrität wurde Mircea Dinescu in jenen CNSAS-Ausschuß gewählt, der der deutschen Gauck-Behörde entspricht, einer Einrichtung, die das Offenlegen sowie das wissenschaftliche Auswerten der Geheimdienstdossiers der ehemaligen Securitate anstrebt. Der bürgerliche Präsident Constantinescu hatte die gesetzlichen Voraussetzungen zur Veröffentlichung der Akten geschaffen. Doch das, was in der rumänischen Realität abläuft, ist mehr als unbefriedigend. Anders als in Deutschland, wo das Parlament die Arbeit der Behörde überwacht, wurde im heutigen Rumänien, das nunmehr endgültig nach Europa strebt, wieder einmal der Bock zum Gärtner gemacht.

Ein Wolf bewacht die Senne. Die Nachfolgeorganisation der Securitate, der Sicherheitsdienst SRI, bestimmt nach wie vor, wer Akteneinsicht erhält und wer nicht. Das Entscheidungskriterium ist noch immer ein vorgegaukeltes nationales Sicherheitsinteresse - eine Kategorie, die der neue Sicherheitsdienst selbst definiert. Hinzu kommt ein langwieriger bürokratischer Prozess schikanöser Antragstellung verbunden mit einem Abwarten, das sich ein Jahr hinziehen kann.

Wie soll so ein ehemaliger Dissident, der seit Jahrzehnten im Westen lebt, an seine Akte herankommen? Das hat System - schließlich ist es immer noch der Wolf der bestimmt, was dem Wohl der Schafe dienlich ist.

Doina Cornea, eine Bürgerrechtlerin, die auch nach der Revolution von den kommunistischen Wendehälsen als Vaterlandsverkäuferin diffamiert wurde, fordert alle Rumänen auf, ihre eigenen Dossiers anzufordern und zu studieren, um zu erfahren, wie und von wem sie während der Zeit der Diktatur bespitzelt wurden. Sie erkennt darin ein gutes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung. Doch dieses Phänomen wenig erbauliche ist wenig gefragt. Weite Kreise unterschiedlicher Ausrichtung sträuben sich dagegen, unfähig die eigene Feigheit und das eigene Versagen anzuerkennen.

Massiver Widerstand kommt von der äußersten Rechten, von Antisemiten wie Tudor, der Dinescu massiv bekämpft und ihn um jeden Preis aus dem Aktenoffenlegungsausschuss entfernen will. Noch in jüngster Zeit, im Jahr 2006, wurde eine Verleumdungskampagne gegen den Demokraten Dinescu losgetreten, in welcher der Volksverhetzer Vadim Tudor den Dichter wüst beschimpft und ihm allerlei Machenschaften unterstellt. Kann sich Rumänien, ein Land, das für immer nach Europa strebt, ein Land, das sich zu den Werten des abendländisches Humanismus nach der Aufklärung, nach der großen Revolution und nach den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts bekennt, solche Demagogen leisten?

Das fragte ich überzeugte rumänische Demokraten, die schon lange im Westen leben und die Entwicklungen in ihrer Heimat täglich kritisch beobachten. Eine Antwort darauf bestand in der lapidaren Feststellung: Frankreich, die Leitnation der Demokratie, hat einen Le Pen! Dieser rechtfertigende Vergleich hinkt etwas - in Frankreich ist die demokratische Struktur gefestigt. Und Frankreich kommt nicht aus einer nahezu fünfzigjährigen Diktatur, die alle demokratischen Werte zerstört hat.

Trotzdem: Der freiheitliche Westen selbst hat - für alle im Osten gut sichtbar also ein falsches Paradigma vorgegeben, indem Rechtsradikale salonfähig gemacht und toleriert wurden. So etwas kann schnell ins Auge gehen und fatale Folgen haben.

Freiheit und Demokratie, das zeigt ein Blick in die Geschichte der Weimarer Republik mit ihrer vielleicht demokratischsten Verfassung der Welt, scheitern manchmal an der Verwischung der Grenze zwischen Moral und Unmoral, zwischen tatsächlicher, positiver Freiheit und falsch verstandener Freiheit. So konnte der menschenverachtende Nationalsozialismus gedeihen, der Faschismus und das Pendant zu diesen, der weltweit verbreitete Stalinismus. Der Preis von Freiheit und Demokratie muss gut ausgelotet sein.

Vergangenheitsbewältigung - das zeigt ein Blick in die Aufarbeitung der deutschen Geschichte seit 1945 ebenso wie der Umgang der Franzosen mit der Zeit des Vichy-Regimes - ist eine langwierige und schwierige Angelegenheit, die viele Überraschungen birgt. Allein während der Ausarbeitung dieses Werkes, wo die unterschiedlichsten Quellen immer wieder und wieder auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden mussten, geriet manche Gewissheit, an die man fast ein Leben lang geglaubt hatte, ins Wanken. So genannte Wahrheiten verschoben und verkehrten sich. Viele Ungewissheiten und Fragen blieben zurück, vermischt mit vielfältigen Enttäuschungen und Desillusionen.

Der streitbare Paul Goma, in der langen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus rumänischer Prägung letztendlich an die Wand gedrängt und in die falsche Diskussion abgelenkt, ist heute ziemlich isoliert. Er streitet sich mit jedermann, sagte mir ein überzeugter Demokrat, der Goma lange als Publizist unterstützt hatte. Und Ionel Cană, der hellsichtige wie mutige Gründer der ersten freien Gewerkschaftsbewegung in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg, lässt sich instrumentalisieren, indem er heute unkritisch selbst die rechte Presse als Plattform nutzt, um seinen Frust und seine Enttäuschung über die eigene Nichtbeachtung durch die Mächtigen im Land kundzutun.

Sieben Jahre lang haben die Kommunisten um Iliescu die Dissidenten von einst verhöhnt und verlacht. Kein Wunder, dass diese verbittert in den Zynismus flüchten und dabei Fehler machen. Die in jüngster Zeit in Ziua erschienene Abrechnung Canăs mit dem so genannten Tismăneanu-Bericht spricht Bände. Dieser sei Makulatur, heißt es pointiert. Dabei legt ein gerissener Journalist der Rechten dem Dissidenten von gestern die Worte in den Mund. Cană fühlt sich und die von ihm initiierte freie Gewerkschaftsbewegung SLOMR zwar mit Recht verkannt und ignoriert, nur er durchschaut die Manipulation, die ihn von schmaler Warte aus ein wertvolles Mammutwerk verdammen lässt, im Grunde nicht. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der SLOMR-Materie, die noch durch viele Mythen, Ungereimtheiten und falsche Zahlen belastet ist, wird sicher bald mehr Klarheit bringen. Nicht zuletzt soll auch dieses Werk mit den flankierenden Interviews und Veröffentlichungen zur Thematik dabei hilfreich sein.
 




 

 

Vom Sturz der Ikonen - Fakten oder Desinformation und Manipulation?


 

Weniger erfreulich aus der Sicht des Autors war die Tatsache, dass im Verlauf der Ausarbeitung des Manuskripts scheinbar konstante Ikonen der Freiheit und Träger der großen Idee ins Wanken gerieten und taumelnd vom Podest stürzten - auch dies als Folge der Aufklärungsarbeit der CNSAS, der in bestimmten Fällen vertraut werden muss, obwohl eine Beweisfabrikation durch die Securitate und ihre Nachfolger nie ganz ausgeschlossen werden kann. Eine aus alter Solidarität der Dissidenten untereinander begründete Skepsis ist nach wie vor angesagt, wenn es um belastende Aussagen gegen ehemalige Opponenten und Freiheitskämpfer geht. Doch die massive Enttäuschung wirkt stärker und ist nicht aus der Welt zu schaffen.

Ion Caraion, der den regimekritischen Schriftstellerkollegen Nicolae Steinhardt an die Securitate verraten haben soll, fiel partiell vom Sockel. Hatte er als vollendetes Chamäleon und hinter einer perfekten Maske verborgen auch mich getäuscht? Ich kann es nicht glauben; doch andere ehemalige Bürgerrechtler und kritische Journalisten sind anderer Meinung. Und, neben Caraion, gut getarnt und virtuos agierend, Mihnea Berindei, mein Gewährsmann von der Liga für Menschenrechte in Paris? Er soll bereits 1968, Jahre vor der als Flucht getarnten Ausreise in den Westen, von der Securitate angeworben worden sein, besagen CNSAS-Akten, die heute über das rechte Forum Asociatia Civic Media im Internet verbreitet werden. Die Plattform wurde angeblich von den gleichen Leuten gegründet, die Cană und andere gezielt für ihre Zwecke missbrauchten. Kann, darf und muss man solchen Aussagen glauben?

Oder sind es nur Vehikel der Desinformation, gestreute Verleumdungen boshafter Art, die Berindei genauso zu diskreditieren suchen wie Vladimir Tismăneanu, den Koordinator der Kommission, die Person, die ihn als Experten berufen hat? Nachdem in Berlin die Mauer gefallen war, versuchten gut getarnte Mitarbeiter der Staatsicherheit wie jener vermeintliche Sozialdemokrat Böhme sich an die Spitze der demokratischen Erneuerung zu setzen, um so das Heft des Handels in der Hand zu behalten, nicht zuletzt zum Schutz ihrer belasteten Kollegen aus dem Geheimdienst der DDR. Sie agierten virtuos und dreist, bis sie endlich enttarnt wurden. Weshalb sollte es in Rumänien anders sein?

Mihnea Berindei, der in Paris bei der Liga für Menschenrechte an der Quelle saß, dem die exilierten Menschenrechtler und Dissidenten blind vertrauten, obwohl er der Sohn eines linientreuen Karriere-Historikers war, soll es seinen konspirativen Genossen aus dem DDR-Geheimdienst gleichgetan haben, indem er als Gründungsmitglied die Gruppe für den Sozialen Dialog GDS ins Leben rief - so der dunkle Vorwurf aus dem rechten Lager der Asociatia Civic Media. Erst spät, sehr spät, als er als Mitglied der Tismăneanu-Kommission noch mehr in den Blick der Öffentlichkeit rückte, sei er dann von der CNSAS durchschaut und in seinem öffentlichen wie verborgenen Wirken gestoppt worden.

Vermutlich und höchstwahrscheinlich handelt es sich hierbei jedoch nur um verleumderische Unterstellungen, die heute in der politischen Landschaft Rumäniens alltäglich sind. Verantwortlich dafür sind Experten der Desinformation, alte Mitarbeiter der Securitate, die mit ihrem demagogischen Führer Vadim Tudor im rechten Lager Zuflucht fanden und von dort aus agieren. Nur kann sich das auch heute noch exilierte Opfer schlecht wehren.

Neben der Bürgerlichen Allianz, der ehemals exilierte Regimegegner angehören wie Victor Frunză, ein Dissident, der im dänischen Exil überlebte, bevor er nach der Revolution wieder heimkehrte, ist es auch heute noch vor allen die GDS, Grup pentru dialog social, die sich als lose Bürgervereinigung für den notwendigen Demokratisierungsprozess in Rumänien einsetzt.

Berindei gehörte auch zu ihren Gründungsmitgliedern - genauso wie Sorin Antohi, ein kritischer Essayist und Schriftsteller aus Iaşi, zeitweise Mitglied der Aufarbeitungskommission, der sich letztendlich als wirklicher Denunziant heraus kristallisierte. Antohi stellte sich selbst der Öffentlichkeit und berichtete ausführlich über seine Verstrickungen und Denunziationen seit der Schulzeit. Sein Straucheln belastete sicher auch Berindei und die von Präsident Băsescu eingesetzte Kommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien.

Maßstab des Geschichtsaufarbeitungsprozesses ist nach wie vor die Proklamation von Temeschburg, deren Forderungen ich über den FAZ-Abdruck hinaus auch sonst gleich nach ihrer Verkündung im deutschsprachigen Westen bekannt zu machen suchte. Die Intellektuellen aus meiner Geburtsstadt Temeschburg nehmen auch heute noch eine Vorreiterstellung ein und fordern, weitgehend über die GDS und anderen Gruppierungen, in nationalen und internationalen Appellen weiterhin die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit und den weiteren Demokratisierungsprozess des Landes im Hinblick auf eine vollwertige EU-Integration. Wer ihre Appelle ausführlich studiert, nicht zuletzt den jüngsten, der auf die moralische Solidarität der Europäischen Union hofft, wird feststellen, dass noch viel an Aufarbeitung zu leisten ist.

Das Wanken und partielle Stürzen mancher Ikone, die ich als Felsen in der Brandung angesehen hatte, berührte mich bis zuletzt und verwies auf das flächendeckende Vereinnahmungsnetz des Repressionsapparates. Wer war denn überhaupt noch integer - und wer ist es noch? Hatte die Securitate, die selbst die Katholische Kirche infiltrierte, letztendlich alle korrumpiert und alles mit ihrem Spinnennetz überzogen? Welche Autorität blieb noch übrig - und wer wird als nächster enttarnt? Wie gut, dass ich bereits als Zwanzigjähriger ziehen durfte!

Die Vergangenheitsbewältigung ist gnadenlos - und manch scheinbar hehre Geister holt die eigene Vergangenheit ein, vor allem jene, die auf irgendeine Weise mit der Macht verstrickt waren. Unschuldig und unbedeutend bleiben jene, die außerhalb standen, bis heute.

Eine wahrhaftige Vergangenheitsbewältigung ist aber auch heilsam. Erst nach dem abgeschlossenen Katharsis-Prozess wird aus Asche neues Leben entstehen. Rumänien setzt heute auf den Pluralismus der Meinungen, die auf der Suche nach Wahrheit im Widerstreit liegen. Das ist gut so. Doch Rumänien braucht auf seinem Weg in die Zukunft zwar diese Kultur der Vielfalt und den demokratischen Pluralismus auch im Politischen, der 1945 nach der Machtübernahmen einer kleinen kommunistischen Clique für 45 Jahre abgewürgt worden war - aber es benötigt dringend demokratische Verhaltensweisen, die von der Würde des Menschen ausgehen und getragen werden.
 




 


Ein neuer Anfang - Rumäniens Ankunft in Europa? Oder: von der Verurteilung des Kommunismus als ungesetzlicher und verbrecherischer Weltanschauung


 

Siebzehn Jahre nach dem Sturz des Diktators, am 18. Dezember 2006, trat Präsident Traian Băsescu vor das nationale Parlament und gab eine Erklärung ab, die als historisch eingestuft werden kann und die für die demokratische Entwicklung seines Landes von besonderer Tragweite sein sollte.

In seiner Erklärung, die im Westen sicher mit Wohlwollen aufgenommen wurde, im eigenen Land jedoch unterschiedlichste Proteste der verschiedensten politischen Kräfte hervorrief, brandmarkte Präsident Băsescu das halbe Jahrhundert kommunistischer Herrschaft in Rumänien als ungesetzlich und verbrecherisch, indem er sich auf einen wissenschaftlichen Report berief, den eine Expertengruppe unter dem Vorsitz des US-Politologen rumänischer Herkunft Vlamidir Tismăneanu innerhalb eines halben Jahres erarbeitet hatte.

Der Präsident des neuen EU-Mitglieds Rumänien schloss sich in seiner historischen Wertung ganz den Erkenntnissen der von ihm selbst berufenen Präsidentenkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur Rumäniens an, deren Quintessenz das totalitäre Phänomen des Kommunismus auf die Begriffe kriminell und illegitim reduziert. Das entspricht einer spektakulären Verurteilung der kommunistischen Ideologie, wie es sie in Osteuropa in dieser radikalen Form noch nirgendwo gegeben hat.

Der Akt Băsescus, einen Schlussstrich unter die Zeit des Stalinismus und des real existierenden Sozialismus, der in den letzten Jahren wieder zum Spätstalinismus verkommen war, zu setzen, kann als eine symbolträchtige Good will-Aktion, als wohl gemeinte Geste eines konzilianten Staatsoberhaupts an die Adresse der Westeuropäer und der Nordamerikaner gewertet werden, die beeindrucken sollte. Aus ihrer unmissverständlichen Signalwirkung sollte zu erkennen sein, dass die Rumänen als Volk ein für alle Mal mit den totalitären Systemen Schluss gemacht hätten - und unwiderruflich in Europa angekommen waren. Es war ein Gestus, der aufhorchen ließ, ein deutliches Signal, Rumänien sei zu einem neuen Anfang bereit.

Doch kam das Zeichen nicht recht spät, ganze siebzehn Jahre nach der Verjagung des Tyrannen? Polen, Tschechen und andere ehemalige Ostblockstaaten hatten viel schneller reagiert und antikommunistische Persönlichkeiten mit der Staatsführung beauftragt. Nicht aber die Rumänen! Dort gingen die Uhren noch fast zwei Jahrzehnte anders. Und jetzt, wo der Paukenschlag kam, musste man sich fragen: Trommelten da die richtigen Leute, überzeugte Demokraten und Europäer oder doch nur Demagogen des Augenblicks? Und was wurde aus der Verkündigung? Die Botschaft Präsident Băsescus wurde zwar gehört - doch geglaubt wurde sie nicht ganz, zumindest nicht im Land selbst, wo sie von den Vielen nicht verstanden und wo sie mächtigeren Interessensgruppen in das Konzept pfuschte. Vor allem jene Kräfte der Alten Ordnung, jene Securitate-Kommunisten, die inzwischen Rumänien unter sich aufgeteilt hatten und die auch heute noch das Parlament in großer Zahl bevölkern - Băsescu schätzt ihre Zahl auf gut hundert, lehnten den so genannten Raport final ab; ebenso wie jene Ultrarechten aus dem Lager der Großrumänienpartei des Antidemokraten Corneliu Vadim Tudor, die, ausgehend von ihrem Führer, zum Teil aus der alten Securitate stammen.

Gleich nach der Verkündung der Ergebnisse der Präsidentenkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien, die bald nur noch, nach ihrem Vorsitzenden benannt, Tismăneanu- Kommission heißen sollte und der öffentlichen Verdammung des Kommunismus durch den Präsidenten wurden aus manchen Ecken Stimmen laut, primär aus dem Lager der extremen Rechten, die polemisch an dem Expertenbericht herummäkelten und kritisierten. Der Bericht der Tismăneanu-Kommission sei voller gravierender Mängel, mit Fehlern und Unwahrheiten behaftet.

Indem der analytische Bericht mehr polemisch als sachlich aufs Korn genommenen wurde, sollte der unbequeme und im Land als Populist verschriene Präsident selbst geschwächt, destabilisiert und schließlich abberufen oder abgewählt werden. Mit dem Argument, Băsescu hätte selbstherrlich mehrfach gegen die Landesverfassung verstoßen, wurde der Präsident zunächst vom rumänischen Parlament suspendiert, bevor sich in dem Referendum vom 19. Mai 2007 sein politisches Schicksal endgültig entscheiden sollte.

Hatte Präsident Traian Băsescu einen politischen Fehler begangen, indem er mit der moralischen Verurteilung des Kommunismus ein unmissverständliches Zeichen setzte? Und hatte er sich vertan, als er mit der Berufung des Vorsitzenden der Aufarbeitungskommission auf die Person Vladimir Tismăneanus setzte? Wurde er nunmehr über beide Entscheidungen angreifbar? Vieles deutet darauf hin, dass die Feinde des Demokratisierungsprozesses, namentlich jene hundert ehemalige Securitate-Kader als Abgeordnete und Teile der sozialistischen Partei, hinter welcher die graue Eminenz Ion Iliescu, der langjährige Präsident und Ceauşescu-Nachfolger, steht, im Kommissionsvorsitzenden Tismăneanu die Achillesverse ausgemacht hatten; jenen Schwachpunkt, über den der Präsident zu stürzen war - denn Tismăneanu, in den Augen seiner Verleumder ein Renegat, war als antikommunistischer Dissident jüdischer Herkunft, formal leicht zu diskreditieren, vor allem in den Augen jener, die das allzu Plakative dem differenzierten Wissen vorziehen und die dem Gerücht mehr vertrauen als der gesicherten Erkenntnis.

Selbst ehemalige Widerständler und Bürgerrechtler, die mit dem abrollenden Demokratisierungsprozess noch lange nicht zufrieden sind und sich übergangen fühlten, ließen sich in den Reigen breiter Verleumdungen hineinziehen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie, die aktiven Bekämpfer des Kommunismus von einst, nicht selbst als Mitglieder oder Experten in die Aufarbeitungskommission berufen worden waren. Einige von ihnen durchschauten die Diskreditierungskampagne rückwärtsgewandter Kräfte nicht und distanzierten sich bis zu einem gewissen Grad von der Person des Kommissionsvorsitzenden.

Plötzlich stand der wissenschaftliche Koordinator der Kommission Vlamidir Tismăneanu, zu dem ich während der Abschlussarbeiten an dem Report und an diesem Buch intensiven Kontakt unterhielt, mitten im Kreuzfeuer von allen Seiten. Vor allem für die Rechten um Vadim Tudor war er, der einstige Kommunistenspross, zum Stein des Anstoßes geworden. Diese gezielte Anfeindung ist keine singuläre Erscheinung, die nur auf eine Person gemünzt wäre, sondern sie richtet sich gegen alle fünfzig Wissenschaftler der Kommission, die an dem Bericht zur Verurteilung der kommunistischen Weltanschauung als Berater und Autoren mitwirkten.

Als Präsident Băsescu sich für den seit Jahrzehnten prominent ausgewiesenen Politologen von der Universität Maryland als Kopf der Kommission entschied, suchte er nach einem Fachmann, der das Phänomen des Kommunismus aus eigener Anschauung kannte. Es verlangte ihn nach einem Experten, der als ehemaliger Insider die Thematik von innen aus aufrollen und sezieren konnte, der in anatomischer Analyse das erarbeiten konnte, was den Totalitarismus in Form des rumänischen Kommunismus seit 1945 ausmachte. Dabei verkannte der sonst kluge und politisch versierte Präsident vielleicht die Tatsache, dass seine parlamentarischen Widersacher bis hin zum gegnerischen Ministerpräsidenten ihm gerade daraus jenen berühmten Strick drehen würden, der ihn die Präsidentschaft kosten konnte.
 







 

 


Demagogie, Hetze und offener Antisemitismus heute


 

Vladimir Tismăneanu, der spät, doch nicht zu spät erwachte Dissident aus dem amerikanischen Exil, wurde von den Gegnern der demokratischen Entwicklungen schnell zum Buhmann stilisiert, ähnlich wie es andersdenkende Intellektuelle wie Doina Cornea, Mircea Dinescu und Mihnea Berindei schon erlebt hatten, nur radikaler und vielfach schäbiger. Alles, was gegen Tismăneanu diskreditierend ins Feld geführt werden konnte, wurde genutzt, um ein Zerrbild zu erzeugen, das den Vorsitzenden, die Kommission und die erzielten Ergebnisse der Studie in Frage stellte. In einem Land, wo die Kultur des Misstrauens ein halbes Jahrhundert hindurch höchst effizient kultiviert worden war, blühte die Saat der Verdächtigungen immer noch und trug auch reiche Früchte.

Der Angriff der Rechten, die nach ihrem Verständnis allein die nationalen Interessen Rumäniens vertraten, richtete sich gegen den Kommunismus-Experten schlechthin. Man bezweifelte ungeniert Tismăneanus Sachkompetenz und warf ihm, dem Sohn jüdischer Eltern, seine Abstammung vor und im gleichen Atemzug seine ideologische Einbettung in das Umfeld der kommunistischen Nomenklatur der Nachkriegszeit. Dann kramte man in seiner Vergangenheit, wurde partiell fündig und streute scheinbar belastende Partikel nach guter alter Securitate-Manier, die vom Eigentlichen ablenkten und fabrizierte Gerüchte, die mehr desinformierten als sie zur Aufklärung und Wahrheitsfindung beitrugen. Plötzlich sah es für einige oberflächliche Beobachter so aus, als hätte man mit der Berufung Vladimir Tismăneanus wieder einmal der Bock zum Gärtner gemacht; genauso wie die SRI, die Nachfolgeorganisation der Securitate, den Zugang zu den CNSAS-Akten bestimmte. Das war die Chance für Demagogen, vor allem für den größten und rücksichtslosesten unter ihnen.

Gerade Vadim Tudor, der Chef der Großrumänienpartei, der bereits in einer Reihe von Gerichtverfahren des Antisemitismus, der üblen Nachrede und der Verleumdung bezichtigt wurde, zog alle Register des schlechten Geschmacks, um gegen den Politologen von der Universität in Maryland zu Felde zu ziehen, ihn wüst zu beschimpfen und zu stigmatisieren, in der Hoffnung, etwas werde schon hängen bleiben, zumindest im Kopf einiger seiner undifferenziert denkenden Landsleute, die sein Wählerklientel darstellten. Tudor, der mit den Blättern Romania Mare, Politica und Tricolorul gleich drei meinungsbildende Publikationsorgane besitzt und dessen Privatvermögen auf einen zweistellige Millionenbetrag in Euro geschätzt wird, überschüttete die Tismăneanu-Kommission schon im Vorfeld der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse und der anschließenden Verurteilung der kommunistischen Weltanschauung in dem Hetzbericht Vladimir Tismăneanu, ein jüdischer Provokateur, der Traian Băsescu eine fatale Falle stellt - mit einer wahren Flut von antisemitischen Beschimpfungen, wie man sie in Europa seit Julius Streichers Hetztiraden im Stürmer nicht mehr vernommen hat.

Der vielfach durch kritische Buchveröffentlichungen über den Stalinismus und Kommunismus ausgewiesene Wissenschaftler, der sich seit seiner Flucht im Jahr 1981 für ein Leben in Freiheit entschieden hat und als Regimekritiker über Jahre Verfolgungen ausgesetzt war, muss sich - zum Staunen der zivilisierten Welt - die übelsten Verleumdungen und Beschimpfungen anhören, die ein Hetzredner überhaupt formulieren kann. Vadim Tudor, der zufällig auch noch Vizepräsident des Rumänischen Senats ist und als Senator die Staaten des Alten Europa bereist, und der auch sonst gern gegen Gott und die Welt wettert, gegen Amerika und Russland, gegen KGB und CIA, greift, um Tismăneanu lächerlich zu machen, in die unterste Schublade des Beschimpfungsarsenals, holt von dort vieles von dem hervor, was seit jeher an Schmähungen gegen Juden vorgebracht wurde und bezieht es auf Tismăneanu. Er sei ein vaterlandsloser Geselle - die Securitate führte seine Verfolgungsakte symptomatisch unter Kain - der sich zum Richter der rumänischen Vergangenheit aufschwinge. Die Juden hätten den Rumänen den Kommunismus gebracht, unter ihnen die Eltern des Vorsitzenden, und nun wolle er, der Mann ohne nationale Wurzeln, sich zum Richter eines Volkes aufschwingen. Leider wiederholte Paul Goma in seiner jüngsten Abrechnung mit Tismăneanu die gleichen Argumente, nur etwas milder im Ton. Tismăneanu, der wohlbehütete Kommunistenspross von gestern, der bis zu seiner Flucht von den Segnungen des Kommunismus profitiert habe, wolle nun als vermeintlicher Antikommunist mit den Schandtaten des Kommunismus abrechnen und die Geschichte der Rumänen neu schreiben, schimpft Tudor. Auch darin folgt ihm der inzwischen rechtslastige und zunehmend antisemitischer schreibende Goma. Ungeniert und maßlos wettert Tudor mit einer Stimme, wie man sie bisher nur von den eingefleischtesten Judenhassern unter den Nazis kannte, in seiner als christlich und europäisch selbstapostrophierten Zeitung Tricolorul : Wer gibt einem Vagabunden vom Format dieses Chamäleons das Recht, die Rumänen bei sich zuhause zu richten? Stellen uns schon wieder die Juden die Ordnung in Kultur und Geschichte her? Ich glaubte, wir seien diese Heimsuchung bereits los! Corneliu Vadim Tudor, ein langjähriger Securitate-Mitarbeiter, Ziehsohn Eugen Barbus, Parteipropagandist in der Zeitschrift Săptămăna, Denunziant von Schriftstellerkollegen, poetischer Stümper und als Ceauşescu-Lobhudler lange bedacht, Adrian Păunescu den panegyrischen Rang streitig zu machen, vergaß bei diesen Verleumdungen des deklarierten Antikommunisten, dass er selbst das ultimative Chamäleon verkörperte - eines mit Tarnfarben und Wendehals, denn Tudor hatte bei bewusster Umgehung der Mitte die Haut des Ultralinken abgelegt, um in das Fell der Rechtsradikalen zu schlüpfen. Ein totalitäres System gegen ein anderes genau so totalitäres System einzutauschen, macht ihm, dem chauvinistischen Antidemokraten, wohl keine Schwierigkeit. Professor Vladimir Tismăneanu, dessen historische und politikwissenschaftliche Autorität durch solche Anfeindungen untergraben wird, muss sie ertragen und in einer derart vergifteten Atmosphäre seine Aufklärungsarbeit im Land weiterführen. Doch Europa hört dem Antisemiten Tudor weiter zu, wenn es überhaupt zuhört, und tut nichts dagegen!

An welche Fakten konnte der Propagandist in eigener Sache anknüpfen? Gab es überhaupt Belastendes in der Vergangenheit des Wissenschaftlers? Und war nun Tismăneanu wirklich nur ein verkappter Kommunist, der überhaupt kein Interesse an der wirklichen Aufarbeitung der diktatorischen Vergangenheit Rumäniens haben konnte, wie immer wieder wiederholt wurde?

Während nur wenige Zeitungen neutral blieben, wie der Cotidianul, der ausgewogen und sachlich berichtete und schon früh den vorläufigen Endbericht in das Internet stellte, stimmten weitere Blätter aus Sensationslust in den Chorus der Verleumdungen ein. Auch für Teile der Presse war Vladimir Tismăneanu nicht irgendein unbelasteter Politikwissenschaftler aus einem westlichen Elfenbeinturm, der eine Wissenschaftskommission von Historikern einberief; kein harmloser und naiver Zögling des kommunistischen Systems, der viele Jahre nur indirekt von den Privilegien des Parteiapparates profitierte, bevor aus dem strammen Saulus ein geläuterter Paulus wurde, sondern sie sahen in ihm einen Perspektivagenten der Securitate, der mit Hilfe dieser Verbrecherorganisation in den Westen geschleust worden war.

Diese These, verbunden mit äußerst grotesken Agentengeschichten, wurde bereits im Vorfeld von der Zeitung Ziua in dem verleumderischen Bericht Der Agent Volodea in die Welt gesetzt. Andere tendenziöse Presseberichte und Internetbeiträge knüpften an die konstruierten Vorwürfe an und verbreiteten sie über elektronische Nachschlagewerke, wo sie, zumindest bei gutgläubigen Erstlesern, viel Schaden anrichten. Selbst der Fachmann muss heute genau darauf achten, welchen Informationen er überhaupt noch vertrauen kann. Über die Desinformationskampagne, hinter der mit hoher Wahrscheinlichkeit, ja Sicherheit alte Securitate-Strukturen zu vermuten sind, wurde eine Isolation der Kommission und des Landespräsidenten über Spaltung angestrebt, ganz nach dem alten Motto: divide et impera.

Ferner sollte der Eindruck erweckt werden, auch demokratische Kräfte und ehemalige antikommunistische Dissidenten wie Goma, Cană, Cornea, Frunză und viele andere, könnten es nicht ganz verstehen, dass der Präsident des Landes, Băsescu, eine kontroversierte, wenn nicht sogar kompromittierte Persönlichkeit zum Kopf der Aufarbeitungskommission berufen hat. Denn, und das sind die Fakten, die gerne verdreht werden, Vladimir Tismăneanu ist tatsächlich der Sohn kommunistischer Idealisten, die im Spanischen Freiheitskampf aktiv waren. Der Vater lehrte nach 1945 Marxismus-Leninismus an der Bukarester Universität, während die Mutter im Gesundheitsministerium Karriere machte. Da ist viel Raum für Polemik - Goma nutzt beides, wenn er selbstapologetisch zu Felde zieht. Doch was kann der Sohn für die Biographie des Vaters, die übrigens im Bericht der Kommission nicht geschönt wird, der Sohn, der sich in einer radikalen Abkehr von den Idealen der Eltern distanziert hat? Darf nicht jeder einen eigenen Weg gehen? Wahrheiten und Legenden wurden und werden immer noch miteinander vermengt. So soll Vladimir, Schulkamerad der Kinder von Staatschef Dej und Diktator Ceauşescu, nach dem Studium zum Propagandisten der Jungkommunisten und des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei aufgestiegen sein. Er habe sich in jenem Rahmen mit aller Kraft für die Sache und den Triumph der kommunistischen Weltrevolution eingesetzt. In seiner Dissertation über die Neue Linke und die Frankfurter Schule habe er die fatale These vertreten, der westliche Kapitalismus könne endgültig nur durch die sozialistische Revolution besiegt und als gesellschaftspolitisches Modell abgelöst werden. Diese Behauptungen, die bei einer differenzierteren Auseinandersetzung mit der Materie sicher leicht überprüft und wohl auch entschärft werden könnten - doch dazu gab es bisher nie Gelegenheit - waren und sind natürlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker und Skeptiker, vor allem der übergangenen unter den so genannten Experten von außen.

Aus der Sicht konservativer Kräfte und ehemaliger antikommunistischer Dissidenten, die, wie ich damals, ein Leben lang genau das ideologische Gegenteil vertraten, ist nur schwer nachzuvollziehen, wie eine Person, die einige Zeit prokommunistischen Anschauungen nahe stand, an die Spitze einer Kommission berufen werden kann, die sich die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur zum Ziel gesetzt hat. Der fehlende Schwarz-Weiß-Kontrast spricht dagegen. Tismăneanu, der Insider, kannte die Welt der stalinistischen Nomenklatur, und er redete ihre Sprache; doch hatte er auch einen Sinn für die Welt der Millionen Minderprivilegierten im Land und für die Betroffenheit der zahlreichen Opfer? Daran zweifelt Goma mit anderen Verfolgten des Systems.

Da ich ein Leben lang an einer klaren, ethischen Linie festgehalten habe und diese Messlatte auch anderen vorlegte, überzeugt davon, dass die Moral kein Wert ist, auf den man je nach Lust und Laune verzichten kann, hätte auch ich bevorzugt einen radikalen Neuansatz herbei gewünscht, einen für alle nachvollziehbaren Schritt; und mit der Zäsur einen antikommunistischen Neufang wie in Polen und Tschechien statt eines langwierigen, lauen Übergangs mit intransparenten Übergangsakteuren von gestern.

Die Desinformationskampagne der Rechten und der Linken erreichte im Fall Vladimir Tismăneanus bis zu einem gewissen Grad die beabsichtigte Diskreditierung der Person und damit auch eine Schwächung seines Mentors, des Präsidenten der Republik Traian Băsescu. Denn der erste Eindruck, der sich schnell aufgrund der Aussagekraft des Faktischen festsetzen kann, führte manchen nicht tief genug forschenden Beobachter aufs Glatteis. Die Verabsolutierung einer Teilwahrheit, die nur einen existentiellen Abschnitt betrifft, erreichte ihr Ziel. Die vielen Gutgläubigen gingen gerissenen Gerüchtestreuern auf den Leim und folgten der oberflächlichen Betrachtungsweise, die vom Eigentlichen ablenkte. Das ist symptomatisch und verweist auf bestimmte Wirklichkeiten im Land und auf die Zerrissenheit einer ohnmächtigen Gesellschaft.



 

Absetzung und Dissidenz aus dem Exil - Ein Glaubwürdigkeitsproblem?


 

Kaum gesehen und vielfach verkannt bisher wurde die zweite Seite der Medaille: die innere Auflehnung des Wissenschaftlers während der Jahre der Heuchelei in der Ceauşescu-Diktatur und die Konsequenz daraus: die bewusste Distanzierung durch konkretes Dagegenhandeln.

Vladimir Tismăneanu, zweifellos im Milieu von orthodoxen Kommunisten groß geworden und bis zu einem gewissen Grad von diesem Milieu fremdbestimmt, sah irgendwann den Irrtum seines Umfelds ein, besann sich auf die eigene Freiheit und schlug sich - spät vielleicht, doch noch nicht zu spät, in das Lager der Antikommunisten, nachdem er einige Jahre unzufrieden und frustriert im System mehr überlebt als gelebt hatte. Die geistigen Früchte dieser Zeit sind philosophisch-spekulative Schwärmereien und Essays in konventionellen Parteizeitschriften, zu denen Intellektuelle, wenn sie überhaupt als Geister überleben wollten, fast gezwungen wurden. Bei fast allen Literaturschaffenden aus jener Zeit finden sich solche Konzessionen - mit dem fast obligatorischen Ceauşescu- oder Parteizitat, nicht nur bei den Lobhudlern. Doch Tismăneanu kann von sich entschieden behaupten, niemals mit der Securitate oder der Kommunistischen Partei zusammen gearbeitet zu haben.

Um 1981, als ich gerade dabei war, in Genf die Klage gegen das Ceauşescu-Regime auf den Weg zu bringen, floh Tismăneanu im Alter von dreißig Jahren, also fast zehn Jahre älter als ich es bei meiner Ausreise war, in den Westen. Zunächst zog es ihn zu Freunden nach Spanien, dann zu Verwandten nach Venezuela und schließlich in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Die hanebüchene Geschichte jenes obskuren Autors aus Ziua, der spekulierte, Tismăneanu hätte nur mit Hilfe nordamerikanischer Kommunisten, die für ihn bei der CIA intervenierten, in den USA Fuß fassen können, zeugt von der Realitätsfremdheit und der absoluten Unkenntnis der Verhältnisse in den USA. Sie ist genauso aberwitzig wie die Behauptung, der Dissident Tismăneanu, der über Jahre den Kommunismus bekämpfte, sei von Rechten bedroht worden. Der Flüchtling wäre wohl niemals in den Vereinigten Staaten aufgenommen worden, wenn seine persönliche Integrität nicht nachweisbar festgestanden hätte. Nicht die Kommunisten Nordamerikas, denen er gehuldigt haben soll - sic! -, halfen Tismăneanu bei der Integration, sondern Leute wie Norman Podhoretz, der einflussreiche Neokonservative von Commentary, einer Zeitschrift für politische Analytik, die, wie mir seinerzeit ein amerikanischer Studienkollege und Mitarbeiter versicherte, auch von Präsident Ronald Reagan gelesen wurde.

In den Vereinigten Staaten versuchte Tismăneanu dann von Anfang an und konsequent bis in diese Tage während eines Vierteljahrhunderts die Jugendsünden seines Umfelds - inklusiv der eigenen - bekannt zu machen, aufzuklären und aufzuarbeiten - als Sühne und wissenschaftlich-ethische Wiedergutmachung vielleicht für eine spät vollzogene Dissidenz, die im eigentlichen Sinne des Wortes tatsächlich eine wahre Dissidenz ist, während ich und andere Andersdenkende keine Parteidissidenten, keine Abweichler von der reinen Lehre waren, sondern deklarierte Regimegegner und brave Antikommunisten von Anfang an.

Was Vladimir Tismăneanu von Amerika aus als vielfach anerkannter und ausgezeichneter Professor der Politikwissenschaft leistete, kann als eine moralische Reinwaschung verstanden werden, die er nicht nur für sich selbst betrieb, sondern für die zahlreichen kompromittierten Intellektuellen im Land, die seit ehedem den Typus des Anständigen Rumänen zu verkörpern suchten. Allein schon die Tatsache, dass Tismăneanu in Amerika wirken und von amerikanischem Boden aus seine politische Aufklärungsarbeit betreiben darf, verweist auf die hohe Akzeptanz und Anerkennung seitens der Amerikaner, die ihm und seiner Mission zuteil wird. In zahlreichen großen Zeitungen und Zeitschriften der Welt können seine Analysen des Kommunismus nachgelesen werden.

Tismăneanu hat als langjähriger Mitarbeiter des Senders Radio Freies Europa noch während der Zeit der Ceauşescu-Diktatur eindeutig Position bezogen und bis hin zur Ausarbeitung der Dokumentation und Analyse der Verbrechen während der kommunistischen Herrschaft in Rumänien bewiesen, dass er als Mensch integer und politisch über alle Zweifel erhaben ist. Dafür ist er als Kain von der Securitate bis zur Revolution beobachtet und verfolgt worden.

Beginnend mit dem Druck, den die Geheimdienstler auf die ihm Land verbliebene Mutter ausübten, bis hin zu anonymen Anschwärzungen am wissenschaftlichen Institut der Universität Maryland, wo ihm, zur Verblüffung amerikanischer Kollegen, die kommunistische Vergangenheit des Vaters zum Vorwurf gemacht wurde, blieb Tismăneanu kaum etwas an Psychoterror seitens der Securitate erspart. All dies wurde von seinen weltanschaulichen Kritikern nicht gesehen, übersehen oder vergessen. Selbst ehemalige Oppositionelle und Andersdenkende verkannten diesen Aspekt und beteiligten sich damit, oft ungewollt, an der Hetzjagd und Demontage von Tismăneanu und an den Mitgliedern der Präsidentenkommission.

Einige unversöhnliche Regimekritiker sehen die Dinge viel skeptischer und teilen meine Auffassung der Dinge kaum. Aus ihrer Sicht wäre eine formal unbelastete Besetzung sinnvoller gewesen. Eine gewisse Bitterkeit der Weggedrängten und Ignorierten ist dabei nicht zu verkennen. Sogar Präsident Băsescu, der, als gewandter Politiker selbst nicht ganz frei von Demagogie und deshalb im Land auch nicht unumstritten ist, attestieren äußere Kritiker Kurzsichtigkeit und Provinzialismus. Während die Polen die Größe aufbrachten, einen schlichten Arbeiter ohne besondere Qualifikationen zum Staatspräsidenten zu wählen, schoben die Rumänen, sprich die Postkommunisten unter dem Altstalinisten Ion Iliescu, der sieben Jahre lang das Heft des Handels nicht mehr aus der Hand geben sollte, die wenigen Bürgerrechtler im Land ins Abseits und vertrösteten sie teilweise mit Alibi-Pöstchen. Băsescu hat daran nichts geändert!

Kein Wunder, dass der Aufschrei selbst aus jener Gruppe heftig war und immer noch anhält.. Dabei merken die früheren Andersdenkenden oft nicht, dass sie mit ihrem einseitigen Handeln nur den Interessen der alten Kräfte dienen, den Securitate-Nachfolgern, die heute mächtige Oligarchen und Wirtschaftsbosse sind; und dass sie mit ihren teils destruktiven Kommentaren gerade die demokratischen Kräfte in Land schwächen

Das diktatorisch-repressive und gleichzeitig ideologisch-dogmatische System des Kommunismus in Rumänien hat als großes Milieu viele Menschen im Land geformt und verformt. Im Fall Tismăneanus war das Milieu seiner Kindheit und Jugend übermächtig und manipulierte ihn solange, bis er selbst die Kraft fand, sich der Determinierung entgegenzusetzen und sich ihrem Einfluss durch Flucht zu entziehen. Deshalb neige ich nicht nur zu einer milden Apologie des Verführten, sondern bekenne mich auch offen entscheiden dazu, wie ich auch für Caraion und andere Missbrauch- und Systemopfer, die sich irgendwann aus eigener Kraft befreiten, volles Verständnis habe, obwohl ich sonst gerne den reinen Weg gegangen war und das konsequente Verhalten von Anfang bis zum Ende eingefordert hatte. Einsicht und Gnade auch hier, wenn die Reue offensichtlich und die Katharsis erfolgt ist. Manchmal bedarf es auch einer Entschuldigung, wenn man Fehler gemacht hat – unschuldig schuldig. Die Verstrickung in die Schuld muss nicht unbedingt mit dem selbst verursachten Schuldigwerden einsetzen.

Das Selbstsein über die Vergangenheitskorrektur Tismăneanus fand erst im Westen statt, aus einer tieferen Einsicht heraus, die auf Freiheit zurückzuführen ist. Tismăneanu war auch nicht der einzige Kommunist, der eine bewusste Umkehr und Wandlung vollzogen hat. Dan Deşliu, ein Lyriker, der mit Erfolg und Anklang die Kommunistische Partei besang, hatte es ihm vorgemacht, indem er einen radikalen Bruch mit seiner Vergangenheit vollzog. Nach seiner Distanzierung von der kommunistischen Weltanschauung an der Partei verstarb Deşliu unter rätselhaften Umständen.

Ein Gerücht besagt ferner, Ion Iliescu, der Altkommunist und langjährige Präsident Rumäniens in der Nachfolge Ceauşescus, heute noch der wohl mächtigste und einflussreichste Mann im Parlament, habe Băsescu empfohlen, Vladimir Tismăneanu zum Vorsitzenden der Aufarbeitungskommission zu berufen. Das ist wenig plausibel. Denn Tismăneanu, der die exponierte Herausforderung annahm und ohne Rücksicht auf persönliche Bindungen die Schuldigen beim Namen nannte - neben Leuten wie Dej, Tudor, Păunescu - auch den eigenen Vater und Iliescu, nahm die Sache sehr ernst, wissenschaftlich ernst, weil ihm die historische Tragweite der Mission bewusst war.
 









Unzulänglichkeiten und Diskrepanzen


 

Trotzdem: Die Kommission zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in Rumänien stand und steht unter keinem guten Stern. Aber auch dies ist symptomatisch für eine ehemalige Diktatur auf dem Weg in demokratische Verhältnisse und für die Umbruchsituation. Manches erinnert an die Büchse der Pandora, aus der zu viele entfesselte Geister entflohen. Die Aufgabe, die in kurzer Zeit zu meistern war, konnte eigentlich nicht zufriedenstellend bewältigt werden. Aus vielen Gründen.

Zu viele Schuldige wurden in dem Bericht Raport final namentlich erwähnt, und zugleich zu wenige. Manche Helden wurden leicht glorifiziert, andere wurden ganz vergessen. Unzulänglichkeiten gab es von Anfang an - und damit Angriffspunkte unterschiedlicher Kreise, die allesamt ihre Interessen bedroht sahen.

Die Kommission hatte nur wenig Zeit, um die enorme Materie von 45 Jahren Kommunismus und Diktatur aufzuarbeiten, kaum sechs Monate für Recherchen und Ausarbeitung. Diese Zeitspanne ist, wie jeder weiß, der wissenschaftlich forscht und veröffentlicht, überaus knapp. Jahre intensiver Forschung wären notwendig gewesen, um zuverlässige Ergebnisse zu erzielen. Diese Zeit fehlte, weil die von Präsident Băsescu im Vorfeld der EU-Aufnahme Rumäniens betriebene Verurteilung politischer Wille war. Băsescu wollte den Europäern entgegenkommen - mit einem unüberhörbaren Paukenschlag. Die Bumerang-Wirkung ist bekannt.

Auch die Ausgewogenheit der Mitgliederrunde, die von einem Expertenkreis mit zum Teil wissenschaftlich schmalbrüstigen Fachleuten verstärkt wurde, lässt viele Wünsche offen. Der streitbare Schriftsteller Paul Goma, der nach wie vor das Dissidentenmonopol für sich reklamiert und der die historische Kompetenz der Kommission in Frage stellt, war nicht zu gewinnen, aus zahlreichen Motiven, auch persönlicher Art. Tismăneanu, der ihn freundschaftlich eingeladen hatte, ging zu Goma auf Distanz, nachdem dem Hitzkopf die abkanzelnde Bemerkung Bolschewikenspross entglitten war. Ja, beide Eltern seien auf russischen Panzern und als sowjetische Staatsbürger gekommen, um den Kommunismus im Land durchzusetzen, erhärtet der inzwischen einsamer geworden Goma heute seine Haltung. Er fühlt sich nach wie vor verkannt und ist verbittert darüber. Die Basis für eine wissenschaftliche Zusammenarbeit konnte nicht mehr gegeben sein, wenn die persönliche Integrität des Kollegen in Frage gestellt wurde.

Auch Ionel Cana, der nur als Gewerkschaftsgründer bekannt wurde, ohne vorher und nachher größere oppositionelle Aktivitäten entfaltet zu haben, wurde etwas ignoriert, indem seine Meriten bei der SLOMR-Gründung nicht adäquat gewürdigt wurden. Seine polemische Replik in einem rechten Blatt Der Tismăneanu-Bericht ist Makulatur, in welchem er offensichtlich von seinem Interview-Partner Roncea, einem obskuren Journalisten und dem Blatt Ziua instrumentalisiert wird, ist eine unbefriedigende Antwort darauf. Ein weiterer Aufschrei, der sich bald zu einer wilden Email-Auseinandersetzung steigerte, kam von einem anderen Verkannten, von dem bereits totgesagten Streikführer Costica Dobre aus den Tiefen des englischen Exils. Seine Verdienste hatte man in den erwarteten Würdigungen genauso unangemessen geschildert wie jene des schlichten Dauerquerulanten Vasile Paraschiv oder jene des lange exilierten Journalisten Victor Frunză. Sie alle hatten mehr Anerkennung erwartet. Sie schlossen sich deshalb zusammen und opponierten auf ihre Weise gegen den Raport final, gegen den endgültigen Report oder Abschlussbericht, den es in der Wissenschaft, wo alles in Bewegung bleibt und immer neue Fakten auftauchen können, gar nicht geben dürfte.

Da die Geschichte der SLOMR und somit das wichtige oppositionelle Phänomen einer freien Gewerkschaftsgründung ebenfalls nicht angemessen beschrieben worden war, bestenfalls leicht gestreift wurde, hätte auch ich auf die Barrikaden gehen können. Schließlich wurden die Abläufe in Temeschburg in der ersten Fassung nicht einmal erwähnt. Doch das geschah nicht aus Missachtung, sondern vielmehr aus Unkenntnis und chronischem Zeitmangel. Die Wissenschaftler sahen sich aus Zeitgründen gezwungen, nur mit gedruckten Quellen arbeiten zu müssen. Solange die Druckfassung des Berichts des Analyseberichts noch nicht ausgearbeitet war, machte ich mich für eine Ausweitung und Ausdifferenzierung stark, in der Hoffnung, einige Unzulänglichkeiten des Reports zu beseitigen. Auch setzte ich mich in den letzten Wochen und Monaten direkt dafür ein, offensichtliche Fehler zu eliminieren, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Eine strigente Überarbeitung des Reports war wohl nicht mehr durchzusetzen, weil viel zu viele Beanstandungen von allen Seiten auf das Autorenteam zukamen. Gerne hätte ich die SLOMR-Materie adäquat berücksichtigt gesehen, ebenso die Exodus-Problematik aus deutschem Blickwinkel betrachtet. Seitdem es die halbe Million Deutschstämmiger aus dem Banat und aus Siebenbürgen nicht mehr gibt, zählt auch die deutsche Sicht der Dinge nicht mehr allzu viel.

Trotzdem: Was jetzt mit der Studie Raport final vorliegt, ist ein substantielles und wertvolles Anfangswerk, das allerdings in seiner provisorischen Ausformulierung stilistisch ein noch uneinheitliches, nicht immer wissenschaftlich-akademisches Kompilat darstellt. Es ist ein Sammelwerk, eine Dokumentation mit sehr guten analytischen Passagen, an welchem drei bis vier Dutzend Autoren mitgestrickt und mitgeschrieben haben. Viele Köche müssen den Brei nicht unbedingt verderben! Der Raport ist zweifelsfrei die umfassendste Beschreibung des Kommunismus auf rumänischem Boden in schonungsloser Form, ein Werk, auf dem man weiter aufbauen sollte und das noch unendlich ausdifferenziert werden muss. Das Einzelereignis, das von machen Akteuren gerne verabsolutiert wird, musste vorerst zugunsten des Ganzen zurücktreten, schon aus räumlichen und zeitlichen Gründen. Der Zeitfaktor war neben der Mittelknappheit die vielleicht substantiellste Hürde. Der Bericht setzt deshalb nicht auf Neuerkenntnisse, die etwa durch umfassende Zeitzeugenbefragungen und Auswertungen hätten erreicht werden können, sondern er vertraut bereits veröffentlichter Literatur, was, wie die unerforschte SLOMR-Thematik nahe legt, sehr unbefriedigend ist!

Gerade die Dissidenten meiner Zeit kommen relativ schlecht weg, als Zeitzeugen wie als Experten. Sie erscheinen in einer langen Liste von Namen, ohne dass der Grad ihrer Dissidenz differenziert herausgearbeitet ist. Wurden sie für eine Sache oder eine Aktion, die über den individuellen Widerstand hinausging, verfolgt, verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt? Oder waren es nur Individuen, die gelegentlich von den repressiven Kräften des Systems schikaniert wurden - und loyale Kritiker, die nie Dissidenten sein wollten? Das macht einen essentiellen Unterschied, zumindest aus der Sicht derjenigen, die die Gitter von innen aus betrachten durften. In langen Aufzählungsreihen alle in einen Topf zu werfen, verwischt das Phänomen der Dissidenz vollkommen und die damit zusammenhängenden Werte wie Würde und Freiheit.

Der viel zu schnell erstellte Auftragsbericht, der wohl nur ein Mittel zum Zweck sein sollte und auch populistisch genutzt und benutzt wurde, kommt in verschiedenen Punkten zu voreiligen Schlussfolgerungen, die an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden können, vor allem in der Beurteilung der Dissidenz im Land. Etwas übereilt wird festgestellt, in Rumänien habe es im Unterschied zur Sowjetunion, der Tschechoslowakei oder Polen keine systematisch organisierte Dissidentenbewegung gegeben, lediglich spontan entstandenen, individuellen Protest; nur Auflehnungen von mutigen Einzelkämpfern, die dem totalitären Regime entgegentraten. Die wohl organisierte, religiöse Dissidenz der Baptisten um die ALRC und die weit ausgedehnte und nicht auf einen Schlag zu beendende SLOMR-Bewegung sprechen dagegen. Beide Manifestationen des Bürgerprotests mit erstaunlicher Kontinuität konnten nur zustande kommen, weil sie im Vorfeld denkerisch vorkonzipiert und vorbereitet worden waren. Das wurde bisher noch nicht ausreichend erkannt und gewürdigt. Wohl auch deshalb, weil die Archive des ehemaligen Geheimdienstes Securitate sowohl für die Forscher der Präsidentenkommission als auch für die allgemeine politische, historische und soziologische Wissenschaft verschlossen blieben!

An Stelle der Dissidenten, die oft nur Handelnde waren und keine Analytiker oder Wissenschaftler, berief Professor Tismăneanu andere Persönlichkeiten in die Kommission, Menschen, die teilweise fast ihr gesamtes Leben der Beobachtung kommunistischer Phänomene gewidmet und gegen totalitäre Systeme angekämpft hatten wie das Kritikerehepaar Monica Lovinescu und Vergil Ierunca.

Neben den Mistreitern aus dem nahen persönlichen Umfeld des Forschers aus Maryland wie Christian Vasile und Dragos Petrescu gehören dem Beirat mehrere ehemalige Widerstandskämpfer und Bürgerrechtler an, unter ihnen der Ingenieur Radu Filipescu, der zum Widerstand und zu offenen Demonstration gegen Ceauşescu aufgerufen hatte. Ferner sind Romulus Rusan, Sorin Ilieşu und Stelian Tănase, alles Leute, die ihre oppositionellen Meriten haben, Teil des Gremiums. Der allseits geschätzte Schriftsteller Horia-Roman Patapievici sitzt mit am Tisch wie sein für Kultur zuständige Kollege Nicolae Manolescu und der Wissenschaftler Sorin Alexandrescu.

Trotzdem bilden Wissenschaftler und vor allem Historiker eine Minderheit in der Kommission, die eigentlich eine internationalere Struktur haben sollte. Ebenso fehlen die Repräsentanten der vertriebenen Deutschen Minderheit im Land, die ebenfalls Opfer der kommunistischen Diktatur in Rumänien waren - bis hin zum finalen Exodus. Ihre Interessen bleiben einer einzigen Expertin überlassen, an deren wissenschaftlichen Leistung durchaus gezweifelt werden kann. Die deutsche Sichtweise der Dinge bleibt weitgehend unberücksichtigt, wie auch deutschsprachige Literatur zur Thematik wohl aufgrund von Sprachbarrieren nicht rezipiert wird.

Wenig glücklich erwies sich die Berufung anderer Mitglieder der Kommission. Der Bischof von Temeschburg zog sich vorzeitig zurück; ferner Sorin Antohi, ein publizistischer Kollege Tismăneanus von der Zeitschrift Revista 22, der sich als langjähriger Informator und Denunziant entpuppte. Der Securitate-Zuträger Antohi, ein Literat und Übersetzer, hatte auch eine Promotion an der Universität Iaşi vorgetäuscht und alle hinters Licht geführt, die ihn bis zu seiner Enttarnung vertraut hatten - auch er ein Repräsentant einer Zeit, die es aufzuarbeiten gilt.

Noch gravierender hingegen wirkte sich der Fall Mihnea Berindei aus. Berindei, einer der bekanntesten Gestalten des rumänischen Exils, dem ich seit unserer Begegnung 1979 in Paris absolut vertraute, erschien bei einer näheren Durchleuchtung durch die dortige Gauck-Behörde CNSAS als potentieller Securitate-Agent. Ein Schock! Zumindest für mich. Berindei, in dem Bericht der Kommission für Dissidenz zuständig, wie bezeichnend, wies umgehend die Beschuldigungen zurück. Tismăneanu, der ihm ebenfalls vertraut hatte, forderte Aufklärung und hielt die Unschuldsvermutung aufrecht - doch das Kind war bereits in den Brunnen gefallen.

Wenn Berindei, dessen fehlendes Curriculum vitae in der Internetpräsentation ihn als Kommissionsmitglied weiter belastet, sich tatsächlich als der Edelspion der Securitate erweisen sollte, was ich nicht für wahrscheinlich erachte, als verkappter Wolf im Schafsfell, dann wird der ihm anvertraute Kompetenzbereich jüngster Dissidenz noch kritischer zu betrachten sein. Doch selbst wenn sich das Ganze als übles Machwerk der Securitate herausstellen sollte, die alle Register zieht, um alle zu kompromittieren, bleibt der moralische Flurschaden bestehen. Mihnea Berindei, einstiges Aushängeschild der Kommission, wurde und wird von den Gegnern des Berichts zu einem kontroversierten Charakter stilisiert und arg verdächtigt - und über ihn, was noch gravierender ist, auch der Präsident der Kommission und der Landespräsident.

Für Außenstehende, für den Betrachter aus dem Westen, der fern vom Tagesgeschehen die neuesten Entwicklungen und Phänomene in Rumänien beobachtet, ist letzte Gewissheit in der Einschätzung kaum möglich. Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Was ist echt? Was ist Täuschung?
 






 


 

Die Wahrheit wird euch frei machen - Verrat und Verrat!


 

Wir sehen nur Handlungsweisen. Danach müssen wir uns richten und urteilen! Während der eine in die Freiheit flieht, unterwirft sich der andere aus der Freiheit heraus - wenn es denn so war - der Unfreiheit und der Niedertracht. Ist nun ein Entwicklungsprozess, wie ihn die vielen Kains, Ahasvers und Fausts genommen haben, nicht ehrenhafter und, aus christlich- humaner Sichtweise betrachtet, nicht verständlicher als der Weg anderer Zöglinge innerer Parteikultur, die die Freiheit ad absurdum führten, indem sie ihr Tun und Trachten im freien Westen den Zwecken einer finsteren Diktatur unterstellten? Einer entzog sich der Repression und Manipulation, um als Eingeweihter aufzuklären; ein Anderer opferte die Ideale der Freiheit, um Gesinnungsgenossen und Widerständler der Securitate auszuliefern. Die Namen wechseln, doch das schockierende Phänomen bleibt.

Nur gibt es auch in Sachen Verrat noch feine, graduelle Unterschiede. Caraion, von dem Manolescu behauptete, er hätte sich schon früh mit Ceauşescu arrangiert, verriet, wenn er es denn tatsächlich getan hat, seinen Nächsten, aus Notwehr, um, nach elf Jahren bitterster Haft, selbst zu überleben und um gegen den Mann des Systems, gegen den Intimfeind Eugen Barbu, den Mentor Tudors, auszusagen. Ist dieses existentielle Handeln verwerflich? Doch andere verrieten, wenn sie verrieten, ihre idealistischen Mitstreiter - zum Teil als freie Menschen im Westen - nur aus einem persönlichem Ehrgeiz heraus.

Solche Differenzierungen werden oft vergessen, wenn schon ein Indiz ausreicht, um mit dem Stein zu werfen. Und Steinewerfer der Moral gibt es heute viele. Manche exponierte Charaktere, aus dem diktatorischen Kommunismus hervorgegangen, verweisen mit ihren entgegengesetzten Entwicklungen auf einen Konflikt der gesamten Gesellschaft, der einer Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung voraus geht. Der Weg ist noch weit. Tröstlich ist die Tatsache, dass zumindest die Richtung stimmt.

Der Professor aus Maryland erkennt heute in der Verurteilung des Kommunismus durch den Landespräsidenten, dessen Entmachtung am Ende doch noch vermieden werden konnte, einen symbolischen Akt von historischer Tragweite. Wenn die lange Reihe der Namen, sein eigener wie jener des Präsidenten, längst vergessen sein werden, wird die ideelle Tat, die aus der Freiheit emanierte, noch Bestand haben - sie ist auch die Conditio sine qua non für die Zukunft der rumänischen Nation in Europa.

Der Bericht zur Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Rumänien war seit dem Zeitpunkt seines vorläufigen Abschlusses auf der Internet-Seite des Präsidenten der Republik abrufbar. Als Präsident Băsescu als Folge eines Misstrauensvotums von 322 Abgeordneten im Parlament - und somit von einer demokratisch legitimierten Mehrheit - suspendiert worden war, verschwand auch der Tismăneanu-Report von der Seite. Als ich beim üblichen Nachlesen plötzlich keinen Bericht mehr vorfand, durchfuhr mich ein Schrecken, verbunden mit einer üblen Vorahnung. Mitten im wunderschönen Monat Mai 2007, wo alle Knospen sprangen, wo in manchen Herzen, die Liebe aufgegangen, fühlte ich mich an düstere Zeiten erinnert, an Zeiten, wo das freie Wort über Nacht abgewürgt wurde und wo die Alte Ordnung, der Status quo ante, schnell wieder hergestellt worden war. Im Mai-Heft 2007 der Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, von Johann Böhm, William Totok und Dieter Schlesak herausgegeben, erschien zufällig und avant la lettre ein Auszug aus meiner Symphonie der Freiheit - unter der richtungweisenden Makroüberschrift des Blattes Düstere Zeiten. Ein mahnender Zufall?

Es war kurz vor dem Referendum in Rumänien, das über das politische Schicksal von Präsident Băsescu entscheiden sollte - und somit auch über das Los des Raport final. Drohte wieder eine Restauration? Ein Rückfall in diktatorische Zeiten? Besorgt meldete ich mich bei Professor Tismăneanu in Washington und fragte nach, auch in Sorge darum, die endgültige Fassung des Reports, in die eine Reihe eigener Zeugnisse und Anregungen eingeflossen waren, werde nicht mehr fertiggestellt werden können. Wenn das Referendum gewonnen sei und Präsident Băsescu die Schmach überstehe, werde der Report wiederkehren und an seinem angestammten Platz zu finden sein, tröstete mich der Wissenschaftler.

Er sollte Recht behalten. Präsident Băsescu überstand das Referendum mit einem Votum von 75 Prozent der Wählerstimmen, ohne dass die Probleme, die politische Ohnmacht und die inneren Zwistigkeiten, die zur Lahmlegung geführt hatten, danach erledigt gewesen wären.

Inzwischen, im Frühling 2008, ist der Präsidialreport, der als Standardwerk zur Beschreibung und Analyse des Kommunismus in ganz Osteruropa angesehen werden kann, wieder aus den Bunkern, wo ihn andere gleich nach der Suspendierung Basescus vergraben hatten, wieder hervorgeholt worden. In einer überarbeiten Fassung erschien er als Druck, doch nur in rumänischer Sprache. Der Bericht zur Analyse und Verurteilung der kommunistischen Diktatur in Rumänien kann auch wieder auf der Internetseite des Präsidialamtes abgerufen werden - nach Monaten der Versenkung, doch nur in alter Version. Die Druckfassung  erschien in kleiner Auflage, ist teuer und kaum überarbeitet. Als Übersetzung wird der Bericht bald auch die Menschen über Rumänien hinaus erreichen. Hoffentlich! Denn die jüngste rumänische Vergangenheit ist ein Teil der europäischen Geschichte!

Neues Ungemach droht aber immer noch. Kommissionspräsident Tismăneanu wurde erst jüngst vor einer anstehenden Rumänienreise, die dem Abschluss des Berichtes dienen sollte, erneut mit Drohungen obskurer Kräfte konfrontiert, Drohungen alten Stils in Briefform, die sich nach Aussage Tismăneanus gegen alle fünfzig Mitglieder der Kommission richten. Die schon totgesagte Securitate ist scheinbar wieder auferstanden, lebt, ist heute quicklebendig und agiert zur Beunruhigung aller, die sich für die Demokratisierung einsetzten, auf die alte Weise. Sie bedroht unverfroren weiter Menschen, ehemalige Dissidenten und Kritiker der kommunistischen Diktatur, Historiker, Bürger mit Zivilcourage, die es wagten und wagen, Unrecht öffentlich wissenschaftlich zu diskutieren und ist offensichtlich auch bereit, nach altem Muster zu handeln.

Wie reagieren die Demokraten Europas darauf? Die Reaktion der Europäischen Union ist bestenfalls verhalten - sie reagiert mit Kritik auf die unzureichenden Integrationsfortschritte Rumäniens und Bulgariens, ist aber unfähig zu handeln und die Bedrohten zu schützen. Es ist nicht viel anders als 1981 in Genf, als die Klage gegen die Ceauşescu-Diktatur anstand. Die Bedrohung ist auch heute gegeben - und die Bürgerrechtler sind ihrem Schicksal überlassen: Finis tragoediae?

Eine Diktatur ist eine Diktatur - doch jede Diktatur ist anders. Deshalb kann die Auseinandersetzung mit menschenverachtenden Regierungsformen nicht gründlich genug sein. Konstant ist nur der Wert, nach dem alles Leben strebt, der Wert schlechthin, der die Negativität aufhebt: die Freiheit!

 
 

Symphonia


 

Rumänien braucht weiterhin eine systematische Vergangenheitsbewältigung durch die Aufarbeitung der Geschichte - und das Land braucht ferner auch noch eine Kultur der Versöhnung zwischen den politischen Fronten, die ohne eine Rehabilitierung der zahlreichen Opfer, auch der Vertriebenen und Exilierten, nicht möglich ist.

Die demokratischen Kräfte in Europa sind aufgerufen, den Brandstiftern von gestern, die heute noch gefährlicher sind und erneut gegen Menschen hetzen, auf die Finger zu sehen. Wenn die europäische Integration gelingen soll, dann funktioniert dies nur ohne jene Brut des Bösen, die mit Hetze schon mehrfach Unheil über die Menschheit brachte. Die Zigeuner Rumäniens - das sind die Tschetschenen Russlands: aus der Sicht totalitärer Führer, die sich selbst zur Zivilisation zählen, gelten sie schlechthin als Banditen. Im Grunde aber sind es nur zwei von vielen Völkern, für die Europa, die Welt und das noch so unzulängliche Völkerrecht keine Lösung gefunden haben.

Heuchelei und Hetze sind todbringende Gifte, denen sich keine Demokratie auf Dauer widersetzen kann. Das Ecrasez l’infame Voltaires, jenes Aufklärers aus Leidenschaft, gilt auch heute noch. Ohne die allgegenwärtige Heuchelei in allen Lebensbereichen wäre eine Diktatur Ceauşescus nie möglich gewesen. Doch wo die Hetze einsetzt, dort endet die Freiheit!

Statt der Hetze gegen Minderheiten aller Art, die, wie einst im Pseudokommunismus von Diktator Ceauşescu, immer noch massiven Diskriminierungen und Stigmatisierungen ausgesetzt sind, sollte man heute in den Straßen Bukarest öfters wieder die Neunte Symphonie Beethovens erklingen lassen, wie einst in Wilna, jene Symphonie der Freiheit - gegen Sklaverei, Heimtücke und Hass die Massen berauschte.

Aktueller denn je ist der Appell des Komponisten, den Beethoven dem Odentext des Dichterphilosophen einleitend beifügte: O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere. Hinter der Erweckung von Freude, die ein Element der Natur und der Freiheit ist, verbarg sich eine Vision, das prophetisches Sehen einer emanzipierten Menschheit. Hetze bewirkt nur Trennung und Spaltung. Sie bringt die Menschen gegeneinander auf, statt sie miteinander zu versöhnen.

Symphonia aber, das wussten schon die Alten, bedeutet Zusammenklang.

In der Symphonie von Wahrheit und Freiheit werden die Menschen zusammen geführt, über die Harmonie hinaus in eine größere Einheit, deren Spiegelbild die Lebenssymphonie jedes Einzelnen ist. Das Miteinander der Stimmen zählt, nicht das Durcheinander oder gar das Gegeneinander. Indem sich der Einzelkünstler im Orchester zurücknimmt, ermöglicht er über sein rücksichtsvolles Handeln den Wohlklang des symphonischen Kunstwerks. Eine Umbruchgesellschaft wie die rumänische sollte sich an den Musikern orientieren, die, wie Beethoven bereits betonte, die Erdenbürger über die Musik schon längst vereinten und versöhnten. Es war kein Zufall damals, als die Menschen in Osteuropa aus ihrem finsteren Kerker ausbrachen und ans Licht strömten, gleich den Gefangen aus Fidelio, um endlich in freier Luft den Atem leicht zu heben, dass sie gerade die Neunte Beethovens anstimmten.

Sie handelten aus einem Impuls heraus und intuitiv richtig, indem sie auf neue Töne setzten, auf die verbrüdernden Zusammenklänge jener Symphonie der Freiheit, die inzwischen Europas offizielle Hymne ist. Ihre Botschaft ist der Wegweiser zum Endziel, zum ewigen Frieden, von welchem Kant träumte. Obwohl es bis zum letzten Ziel noch weit ist, gilt jetzt schon ein Gebot für alle Menschen überall auf der Welt:

 

Freiheit, schöner Götterfunken,

Tochter aus Elysium,

Wir betreten zaubertrunken,

Himmlische, dein Heiligtum.

 

Deine Zauber binden wieder,

Was die Mode streng geteilt,

Alle Menschen werden Brüder,

Wo dein sanfter Flügel weilt.

 

Ende ( Teil I.)


Teil II liegt inzwischen vor !)





Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe

 
Rechts: Titelbild:
"Allein in der Revolte"
 
Mehr zum Thema Kommunismus hier:
Allein in der Revolte -
Carl Gibsons neues Buch
zur kommunistischen Diktatur in Rumänien -
über individuellen Widerstand in einem totalitären System.

Allein in der Revolte -
im Februar 2013 erschienen.

Das Oeuvre ist nunmehr komplett.
Alle Rechte für das Gesamtwerk liegen bei Carl Gibson.
Eine Neuauflage des Gesamtwerks wird angestrebt.
Carl Gibson

Allein in der Revolte, Buchrückseite


Fotos von Carl Gibson: Monika Nickel

©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.


 
 
 



 

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