Dienstag, 15. Januar 2013

In freier Luft - oder: Der letzte Diktator Europas … Im Staub!



In freier Luft - oder: Der letzte Diktator Europas … Im Staub!



Als unser Flugzeug Minuten nach dem Start in höhere Sphären aufgestiegen war, wurden Zeitschriften verteilt. Eine braun gebrannte Stewardess reichte mir eines der bekannteren Nachrichtenmagazine Amerikas, ich glaube, es war die Newsweek, mit einem Lächeln. Gut gelaunt grinste ich zurück. Doch das Schmunzeln verging mir wieder, als der sich senkende Blick das Titelbild erfasste. Ein verschwommenes Foto war darauf zu sehen, das Bild einer am Boden liegenden, verzerrt ins Leere starrenden Leiche: Es war Ceauşescu - im Staub! Das Unschöne, ja Schreckliche als Wahrheit! Der Schock wirkte. Für Momente zuckte ich zusammen wie einer, dessen Seele tief berührt wird. Doch bald fing ich mich wieder und stupste den fast schon eingenickten Freund mit den Worten:„Schau dir das Mal an! Da liegt Ceauşescu … Tot! In einer Lache Blut!“

Erwin übernahm das US-Nachrichtenmagazin und sah sich das Foto lange an. Es schien, als ob ihn die Echtheit der Botschaft nicht überzeugte. Wir hatten so manche Finte erleben müssen. War das nun wieder nur ein alter Trick aus der Wunderkiste der Securitate, ein inszeniertes Manöver, die Weltöffentlichkeit zu täuschen? Eine Fotomontage vielleicht? Eine neue Maskerade, um Zeit für den Gegenschlag zu gewinnen? Einige Andeutungen Erwins gingen in diese Richtung. Doch seine Kommentare blieben karg. Schließlich gab er mir die Zeitschrift zurück, in dem er lakonisch bemerkte, dies sei das wohlverdiente Ende einer Drohne. Scheinbar wollte er nicht weiter darüber reden.

Für ihn war eine Ära zu Ende, die eigentlich eine Epoche sein wollte - ein Zeitalter des Lichts! Sein Blick richtete sich seit Jahren auf Amerika, wo er, ungeachtet der erlebten Rezession, ein noch freiheitlicheres Leben erwartete als in der Bundesrepublik Deutschland. Das Individuum lebe dort noch freier, glaubte er. Mit der Vergangenheit in dem kommunistischen Staat hatte mein Streitgefährte seit seiner Ausreise abgeschlossen. Zumindest glaubte er, dass es so war. Für ihn war mit der Zäsur ein weiterer Ring in der persönlichen und historischen Entwicklung vollendet. Die Geschichte konnte wieder eine Unperson aufnehmen, eine, die negative Geschichte geschrieben hatte - wie andere hundert Tyrannen seit der Antike. Wieder eine Marionette weniger!?

Doch was war mit dem System des realexistierenden Sozialismus? Hatte es sich selbst überlebt?

Was wurde aus den Opfern? Wer wurde überhaupt rehabilitiert? Wann wurden wir rehabilitiert - und zumindest symbolisch entschädigt?

Und was wurde aus dem Repressionssystem, das über Jahrzehnte Angst und Terror verbreitet hatte?

Was wurde aus der berüchtigten Securitate? Wurde sie nur formal aufgelöst, um bald darauf unter dem neue Namen SRI eine Renaissance zu erfahren - selbst im EU-Staat Rumänien? Fragen über Fragen!

Was wurde aus dem Nationaleigentum, für das allegeschuftet hatten. Teilte der Apparat es jetzt unter sich auf - unter dem Deckmantel kapitalistischer Strukturen und mit dem Segen der Europäischen Union? Auch ohne Treuhand und ohne die früheren Besitzer mit einzubeziehen?

Und auf viele Antworten darauf warte ich noch heute!

Wir beide lebten nunmehr zehn Jahre in Freiheitund hatten die Umbrüche der letzten Jahre seit Gorbatschows Umkehr interessiert mitverfolgt; vor allem aber die dramatischen Ereignisse vor dem Fall der Mauer mit tiefer Anteilnahme über die Medien erlebt.

Wir sahen den bewegenden Ereignissen zu, innerlich aufgewühlt mit einem Gefühl eines in Erfüllung gehenden Traumes, einer lange gehegten Aspiration - und mit der Satisfaktion des frühen Mauerspechts, der erste Risse vertieft hat, nicht ganz ohne Stolz, am Lauf dieser positiven Wendung der Geschichte würdig beteiligt gewesen zu sein. Manche Dinge sah ich ähnlich wie mein Begleiter. Andere nicht. Wir waren beide eigentlich nur noch partiell betroffen. Doch ich war an der Dissidentenfront geblieben und hatte noch Jahre nach meiner Ausreise vom Westen aus weiter agiert, um demokratischen Strukturen in Land meiner Geburt zum Durchbruch zu verhelfen. Deshalb war ich emotional noch festgelegter als der Kampfgefährte und Freund.

Menschenrechte für alle - das war mein Leben. So einfach war das Heft des Handelns auch jetzt nicht aus der Hand zu legen - die Pflichtethik sprach dagegen und das Prinzip der Verantwortung, das jeden bestimmt, der die Welt gestalten will.

Erwin war wieder einmal eingenickt. Während er von der Freiheitsstatue träumte, von ungeahnten Möglichkeiten und schönen Tagen in einer besseren und gerechteren Zukunft aller Menschen, blätterte ich weiter in dem Magazin, sah mir weitere Schreckensbilder an und las einige Details über die chaotische Flucht des einst so mächtigen Staatsmannes, dem über Jahrzehnte keiner zu widersprechen wagte.


















Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur


Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten -

Leseprobe


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