Montag, 14. Januar 2013

Ion Caraion - Brückenbauer und Apostel der Freiheit - Tzara, Celan …


Brückenbauer und Apostel der Freiheit - Tzara, Celan …



Seinerzeit hatte ich speziell diese wohlklingenden Namen gewählt, weil jeder von ihnen das teilweise äußerst bittere Leben im Exil dem geistig ohnmächtigen Leben unter totalitären Verhältnissen vorgezogen hatte. Statt sich der geistigen Knechtschaft zu unterwerfen, hatten sie alle den Weg der Freiheiteingeschlagen, um im Westen ein Werk zu schaffen, das ideell unterschiedlich, doch in seinem Wesen frei war. Ihre Werke wurden seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Sprachen im Westen verlegt, vor allem in Deutschland und Frankreich- und jedermann konnte ihre Bücher im Buchhandel an der Straßenecke erwerben oder in der Bücherei ausleihen. Sie waren inzwischen Teil der freien Welt geworden. Wer war prädestinierter über diese Autoren und ihre Werke zu schreiben als Ion Caraion, ihr Zeitgenosse und Wegbegleiter, der selbst viele Jahre für das freie Wort eingetreten war und dafür bitter gebüßt hatte. Ein Grund, an Caraions Integrität zu zweifeln, hatte ich damals nicht.

Doch was verband mich mit den großen Namen? Was schätzte ich an ihrer Haltung, an ihrem Ethos, an der Botschaft ihres Werkes?

Tsara- das war der unbedingte Mut zum Experiment.

Celan- das war die Kraft, an der deutschen Sprache fest zu halten, nach dem Unfassbaren, an der Tradition der Dichter und Denker festzuhalten.

Cioran- der Nietzsche-Enthusiast und notorische Neinsager, über Schopenhauer hinaus, der gefährliche Denker und Provokateur - er widerstand den Verlockungen der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Preisen und Ehrungen, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Dafür lebte er konsequent über Jahrzehnte in bitterster Askese zwischen Einsamkeit und Melancholie wie nur noch Diogenes der Hund, um seine Freiheit zu wahren und die Freiheitseines Denkens, und somit eine Haltung, die vielen gegen den Strich geht, eben weil sie kompromisslos und gnadenlos ist.

Etwas von dieser Kompromisslosigkeit in geistigen Dingen hatte ich selbst durchlebt und dabei auch den Schmerz des Verzichts kennengelernt. Ihn zu ertragen, indem vielen Eitelkeiten widerstanden wurde, empfand ich als bewusstes Leben. Und Eliade?

Ein Bekannter aus Heidelberg, mit dem ich in kurzer Zeit einige hundert Briefe austauschte, über Literatur und über Gott und die Welt, übersetzte gerade eines seiner Bücher über einen Hasenmythos der Indianer; was faszinierte mich an ihm? Er war fast am gleichen Tag geboren wie ich; ein Fisch, der es mit allen konnte; er war ein Bücherwurm, wie auch ich einer war, ohne damals je seinen Namen gehört zu haben; er rezipierte Papini mit der gleichen Begeisterung, wie ich es tat - und er praktizierte die Alchemie des Wortes - die seltene Kunstfertigkeit, aus Stroh Gold zu spinnen, wie ich sie so oft im Leben auch anwenden musste, um nahe an der Literatur in Würde zu überleben.

Eliade war eine faustische Natur; einer, der alles wissen wollte, von den Untiefen des Alchemischen und dem Urgrund der Wesenheit bis in die höchsten Sphären der Metaphysik. Er war ein Erkenntnis suchender Geist und zugleich eine archaischer; er war ein äußerst produktiver Schriftsteller, der gerne und viel schrieb, der im Rausch schrieb, der in einer Woche einen Roman verfasste, während andere ein Exposé entwarfen, der zwanzig Werke plante, während andere über Jahre an einem herumdokterten; ein Dionysiker, ein Mann des Ekstatischen, der auch im Taumel Werke schuf - aber er war auch ein Forscher von Weltruf, ein Wissenschaftler par excellence und ein offener Freigeist, der ging, als er die Freiheit bedroht sah - wie ich auch ging und Caraion und andere.

Eliades Erinnerungen klingen mit den Worten aus: Und trotzdem spürte ich, dass wir uns der Periode näherten, die ich vorausgesehen und seit meiner Studienzeit gefürchtet hatte, die Periode, die ich in meinem Innern „die Zeit, in der wir nicht mehr frei sein werden zu tun, was wir wollen,“nannte. Es handelte sich dabei nicht um die Sehnsucht nach einer anarchischen und asozialen Freiheit, sondern um die Freiheit, gemäß unser eigenen Berufungen und Möglichkeiten schöpferisch tätig zu sein. Im Grunde genommen ging es um die Freiheit, „Kultur zu machen“, die einzige Freiheit, die ich vorläufig ausschlaggebend hielt für uns Rumänen. Zu dem Zeitpunkt, als sich der Himmel über Rumänien verfinsterte, um lange Jahre der Diktaturen einzuleiten, einer monarchischen, einer braunen und einer blutroten, im Jahr 1937, versiegte auch die Freiheit. Eliade ging - und ihm folgten viele.

Mich selbst sah ich als vorläufigen Endpunkt einer langen Tradition freiheitlicher Bestrebungen, die anhalten und unbedingt weiter geführt werden mussten. Die Freiheit sollte auch für alles Künftige das Leitmotiv werden, die Bedingung, ohne die nichts geht und aus der alles emaniert. Denn 1981 standen die Reihen der Kommunisten noch eng geschlossen; und von der nahen Freiheit war noch kein Windhauch zu spüren. Rumänien war fern, isoliert, für viele unbedeutend und wurde genauso ignoriert wie die dort erbrachten intellektuellen Leistungen der wenigen wahren, aufrechten Intellektuellen, die noch nicht resigniert hatten und unter den Bedingungen eines totalitären Systems weitermachten.



Kirche, Bukarest



Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe,

Foto: Carl Gibson

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