Montag, 14. Januar 2013

Ion Caraion - Der Wahlverwandte


Der Wahlverwandte



Caraion hatte sich kaum erst mit Frau und Kind in den Westen abgesetzt, verweilte kurz in Frankreich und fand dann rasch in der Schweiz politisches Asyl. Er kam, knappe zwei Jahre nach meiner Ausreise, der eine Verurteilung wegen anarchischer und asozialer - sprichnichtsozialistischer Umtriebe vorausgegangen war.

Zunächst sah ich in Caraion nur den homo litteratus, den Dichter, den virtuosen Literaturanalytiker und Vermittler, weniger den politischen Menschen, der zunehmend mehr in die Rolle des antikommunistischen Dissidenten schlüpfte. Als Poet und Literat litt Caraion darunter, dass die poetischen Leistungen, die in einer engen, schwach verbreiteten Sprache erbracht werden, nicht adäquat rezipiert und gewürdigt wurden. Als Mensch kränkte es ihn aber noch mehr, dass auch die Botschaft, die aus den Diktaturen des Ostens herüber schallte, genauso wenig gehört wurde wie das literarische Wort: Ich schreibe aus der Überzeugung heraus und für die Überzeugung, dass keine Kunst innerhalb der Grenzen des Kompromisses konzipiert werden kann - und außerhalb der Freiheit. Wenn wir nicht in der Lage sind, für unseren Glauben zu sterben, bedeutet dies, dass wir überhaupt keinen Glauben haben und dass wir innerhalb unserer Kunst nicht mehr zählen als geweißte Grabsteine, sagte er in einem Gespräch mit Vahé Godel, das im Februar 1982 in der Tribune de Genèveerschien. Die Temeschburger Linken um Herta Müller und Richard Wagner, die im Kompromiss verweilten und dort, wo sie kritische Akzente setzen wollten, den falschen Feind fokussierten, hätten diese Haltung beherzigen können. Und die meisten etablierten Schriftsteller im Land ebenso.

DieFreiheit der Kunst war Caraion ein hohes Anliegen, weil aus ihr die Freiheitund Selbstbestimmung des Individuums resultieren. Lenau hatte seinerzeit am französischen Vorbild orientiert genauso argumentiert. Und ich fühlte in den Jahren der politischen Opposition ebenso. Diese Haltung, die Caraion schon während der Zeit der rechten Diktatur aufrecht erhielt, damals als Pazifist mit klarer Poesie gegen den Krieg; dieses Ethos, das ihn bald darauf, nachdem der erste Enthusiasmus des Ausbruchs in eine neue Zeit, die ihn erfasst hatte, verflogen war, auch mit den Kommunisten in schwere Konflikte brachte, bestimmte unsere Wesensverwandtschaft. Wir verstanden uns, wie es den Anschein hatte, auf Anhieb, weil wir von den gleichen Ideen und Aspirationen getragen wurden. Ion Caraion, ein Männlein mit einem enigmatischen Blick, schwach und zerbrechlich, der eher dafür geschaffen schien, einen Federkiel zwischen den Fingern zu halten als auf den Barrikaden zu kämpfen, war ein Linker, der zum Teil von Repräsentanten der rechten Exillandschaft, die schon lange im Westen lebten, argwöhnisch beäugt wurde. „Was willst du eigentlich mit diesem Caraion?“ hielt mir eines Tages ein Konservativer vor und ergänzte verächtlich: „Das ist doch ein Kommunist, ein Ultralinker und dazu noch privilegiert … er war einer der wenigen Schriftsteller, die je in den Westen reisen durften, er, als Repräsentant der Sozialistischen Republik … “

Aus dem antifaschistischen Widerstand kommend hatte Caraion an der Begründung der Zeitung Scînteia - der Funke - mitgewirkt und war einige Zeit Redakteur dieses Sprachorgans der Kommunistischen Partei. Das machte ihn einigen konservativen Exilanten suspekt. Trotzdem war er gleichzeitig ein scharfer Kritiker jener selbst erklärten Kommunisten gewesen, die sich inzwischen sehr weit von dem einst erstrebten idealistischen Weg entfernt und das Land in totalitäre Verhältnisse gesteuert hatten.

Während andere ihn auch als potentiellen Informanten des rumänischen Geheimdienstes Securitate mieden, denn eine Absetzung mit Frau und Kind war alles andere als alltäglich, sah ich in ihm damals nur den Verfolgten, den stigmatisierten Literaten und Humanisten, der elf Jahre Gefängnishaft hinter sich hatte. Für welches Vergehen oder Verbrechen? Gesinnungshaft für das Verfassen von zwei Essays, Die Krise des Menschen und die Krise der Kultur, skurrilerweise auch für die Weigerung, überhaupt nicht mehr publizieren zu wollen und bald darauf für die Edition einer als kosmopolitisch verschrienen Edition sowie für die offen formulierte ideologische Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus: sprich - für eine scharfe Zunge, für freie Gedanken und für ein freies Wort. Der Dichter hatte mir damals eine Selbstcharakterisierung zukommen lassen- in seiner unverwechselbaren und deshalb auch nur schwer fälschbaren Handschrift, deren Aussagen ich glaubte.

Als der ehemalige Illegalist Caraion, nach 1945 kaum über Zwanzig, von einer Stimmung des allgemeinen Neuanfangs getragen, als Kommunist agierte, war er, etwas naiv vielleicht wie manch andere Künstler auch, von Weltverbesserertum erfüllt. Die kommunistischen Machthaber dankten ihm sein Engagement für die gute Sache mit langen Jahren Freiheitsentzug, der ihn in nahezu alle berüchtigten Gefängnisse des Landes führte. Aus eigener Erfahrung wusste ich, was ein Tag im Gefängnis bedeutet, wie schwer eine Woche vergeht und gar ein Monat. Was waren da ganze Jahre in einem Vernichtungslager am Schwarzmeerkanal oder bei Schwerstarbeit unter Tage? Wer viele Jahre seines Lebens in stalinistischen Gefängnissen verbringen musste, konnte kein Freund des totalitären Regimes in Bukarest sein, kein Kollaborateur, als den man Caraion in den letzten Jahren präsentierte. Das Faktische wog schwerer als die von der Securitate in Umlauf gebrachten Verdächtigungen und Gerüchte, gegen deren verheerende Wirkung sich Caraion bereits 1982 öffentlich zur Wehr setzte.

Damals fand er noch Gehör. Heute ist er tot und kann sich gegen späte Anschuldigungen, die von bestimmten Kreisen am Leben gehalten werden, nicht mehr wehren. Er berichtete mir von einer groß angelegten Kampagne der Sicherheitsleute um Eugen Barbu in der Zeitung Săptămăna gegen ihn mit dem Ziel, ihn im Westen zu diskreditieren und zu isolieren. Săptămăna, deutsch Die Woche, war das inoffizielle Sprachorgan der Securitate, das Insidern wie Barbu und Tudor zur Verfügung stand, um vor allem Repräsentanten des Exils zu kompromittieren, wobei die Securitate zu diesem Zweck großzügig ihre Archive öffnete und bereitwillig kompromittierendes Material zur Verfügung stellte.

Caraion verwies darauf - und ich glaubte ihm. Elf Jahre ärgsten Stalinismus überlebt zu haben - das genügte mir, um das Vertrauen zu Caraion aufrecht zu erhalten. Andere bürgerliche Demokraten aus der Bundesrepublik, Frankreich bis hin nach Israel sahen die Dinge ebenso. Caraion war ein eindeutiges Systemopfer, dem man unbedingt vertrauen musste. Er war das redende Gewissen seiner Nation, ein Gewissen überhaupt. Keiner aus dem weiten Kreis jener, die ihn schätzten, hätte ihm einen Januskopf zugetraut, ein zweites Gesicht.

Ion Caraions erster großer Wurf als Publizist war das Agora-Projekt; eine internationale Lyrik-Anthologie mit sehr bekannten Namen, die er bereits 1947, in den finsteren Jahren des Stalinismus, zusammen mit Virgil Ierunca in Bukarest ins Leben gerufen hatte. Nobelpreisträger Eugenio Montale wirkte mit und steuerte unveröffentlichte Manuskripte bei. Und neben ihm seine nicht minder bekannten Landsleute Umberto Saba und Salvatore Quasimodo. Drei Gedichte von Paul Celan wurden hier erstmals einem internationalen Publikum vorgestellt.

Caraion war als Dichter ein erstrangiger rumänischer Lyriker von europäischem Format. Manche hielten ihn für den bedeutendsten rumänischen Lyriker der Gegenwart und nannten seinen Namen gleich nach Tudor Arghezi und auf einer Ebene mit Lucian Blaga. Hingegen ignorierten ihn sein Vaterland und die Literaturwissenschaft der DDR ganz. In dem Sammelband Literatur Rumäniens 1944 bis 1980 in Einzeldarstellungen, der 1983 in Berlin erschien, fehlt das Portrait Caraions. Dagegen sind alle systemkonformen Dichter und Schriftsteller aufgeführt bis hin zu Caraions Intimfeind, dem Securitatemann Eugen Barbu und dem Ceauşescu-Lobhudler Adrian Păunescu, der später Caraion als Verräter denunzieren sollte. Eugen Barbu und sein Ziehsohn Vadim Tudor gründeten nach der Revolution die Großrumänienpartei, ein Hort für Hass und Hetze, und betreiben auch heute noch von jener Plattform aus das Spaltungswerk, das die Securitate nicht mehr vollenden konnte. Caraion hingegen, eines ihrer ersten Opfer, galt im sozialistischen Rumänien des Jahres 1981, nachdem sein fluchtartiges Absetzen bekannt geworden war, nur noch als Unperson. Nur wenigen Beobachtern ist überhaupt bekannt, dass Barbus Diskreditierungskampagne in dem Wochenblatt die Ausreise des Dichters erst erzwungen hatte.

Ab jenem Zeitpunkt war er als Literat genauso abgeschrieben wie Goma und alle anderen im Exil lebenden Dissidenten und Geistesgrößen der Rumänen. Seine Bücher wurden aus den Regalen genommen und sein Name durfte nicht mehr erwähnt werden. Seitdem er sich dann im Radiosender Freies Europa öffentlich gegen die Machthaber im Land gestellt und das selbstherrliche Diktatorenpaar in scharfer Polemik gegeißelt hatte, galt er als Staatsfeind, der unbedingt ausgeschaltet werden musste. Das Risiko, welches er dabei einging, indem er sich und seine Familie gefährdete, sahen seine späteren Kritiker nicht mehr.






George Enescu Museum, Bukarest




Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten - Leseprobe,

Fotos: Carl Gibson

 

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