Montag, 14. Januar 2013

Ion Caraion - Libertate - Freiheit in meiner Sprache …


Libertate - Freiheit in meiner Sprache …



Sein wohl letzter Band ist das Bekenntnis eines Zeitzeugen, der scharf ins Gericht geht, und der erstmals vor einem großen Auditorium frei sprechen darf. Der vom US amerikanischen State Department finanzierte Sender Radio Freies Europa mit dem Sitz im Englischen Garten von München bot ihm diese Plattform. Er konnte nun vor einer ganzen Nation sprechen. Eine Verlockung. Zwei Jahre vor Caraion saß ich an der gleichen Stelle und sprach vor dem gleichen Publikum - mit einer gewissen Genugtuung, doch nicht im Triumph und so sachlich wie möglich. Caraion, dem dort auch ein Mitarbeiter-Vertrag angeboten worden sein soll, ging weit darüber hinaus und sprach sich nicht nur frank und frei den angestauten Ärger und Stress von der schon schwerkranken Leber weg; er steigerte die Abrechnung mit der kommunistischen Welt, die er verlassen hatte, zu einer Orgie von polemischen Beschimpfungen, wie ich sie kaum für möglich gehalten hätte.

Alles, was sich in den elf Jahren Haft und in den unfreiwilligen, unwürdigen Jahren danach an Hass und Ressentiments festgesetzt hatte, schien sich in jenen Interviews zu entladen, eruptiv und unkontrolliert, wie beim plötzlichen Ausbruch eines Vulkans. Dabei wurde der stammelnde Diktator genauso aufs Korn genommen wie seine stets übergelaunte Gattin, der Caraion die Boshaftigkeit und den Verstand eines Affen attestierte. Nicht verschont blieben natürlich die Helfer und Helfershelfer des Systems, die Speichellecker und Hofdichter, die Schergen des Geheimdienstes, für die Caraion die übelsten Epitheta fand, die seine Sprache hervorzubringen im Stande war.

Handelte so ein Agent der Securitate, der in den Westen reiste, um die geistige Struktur des Exils zu unterwandern? Jegliche Logik sprach dagegen. Oder handelte die Securitate nach der Chaostheorie, den Gesetzen des Irrationalismus und des Absurden folgend? Caraions hochgradig von Bitterkeit bestimmter Abrechnungsfeldzug, der vielleicht auch darauf abzielte, sein neues Image als antikommunistischer Dissident zu schärfen, war eine direkte Antwort auf die Diskreditierungskampagne, die das totalitäre Regime gegen ihn gestartet hatte. Das bloßgestellte Imperium schlug nunmehr zurück - bereit, ihn zu treffen und zu vernichten. Doch Caraion kämpfte seit je her einen ungleichen Kampf. Der Staat hatte ihm und seiner mitgeflohenen Familie alles genommen, bis auf den Inhalt von zwei Koffern und sie dem harten Los des Exils überantwortet. Seine Bitterkeit überraschte mich nicht. Denn es gab Gründe dafür, viele Gründe.

„Weshalb haben Sie sich doch noch zum Absprung in den Westen entschlossen?“ fragte ich ihn einmal fast beiläufig; ich siezte ihn, während er mich duzte, auch in den vertrauten Briefen. Die Antwort des verjagten Dichters war vielsagend: „Meine Frau, die seinerzeit verurteilt und für Jahre ins Gefängnis gesteckt worden war, weil sie mir geholfen und meine Manuskripte abgetippt hatte und ich haben lange gerungen, bevor wir uns zu diesem schweren Gang entschlossen haben. In Verbannung leben war nie einfach. Aristoteles, Cicero, Seneca, sie alle waren zeitweise verbannt worden und schließlich der große Ovid, der bei uns in Tomis an Schwarzen Meer elend zugrunde gehen musste. Keiner von ihnen lebte gerne in der Fremde. Keiner gab je seine Heimat freiwillig auf. Wenn wir uns trotzdem entschlossen, alles zurückzulassen, was wir hatten, immaterielle Werte, Freunde, Bücher, Erinnerungen, Gefühle, dann taten wie dies aus Rücksicht auf unser Kind Marta. Für sie haben wir hier in der Schweiz, im christlich-katholischen Umfeld, eine Bleibe gefunden, die ihr Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Sie soll eine bessere Zukunft haben, als wir sie hatten.“

Wie oft hatte ich ähnliche Ausreiseargumente vernommen, auch bei Deutschstämmigen. Eine Generation, die gelitten hatte, war bereit das eigene Martyrium für das Wohl der künftigen Generation fortzusetzen.

Mitte 1982 übersandte mir Caraion den Essay. Nachdem ich ihn mit Mühe übertragen hatte, wurde er auch noch gesetzt. Doch dann war es aus mit unserer Zeitschrift nomen. Mein Nachruf auf das idealistische Projekt unter dem Titel Wo liegt der Kulturverlag begraben, erschien bald darauf in einer Literaturzeitschrift aus Berlin mit dem signifikanten Namen Tabula Rasa. Das Geld war uns ausgegangen. Mein Studienortwechsel nach Wien stand damals gerade an - und ich redete mit Caraion darüber: „Wien?“, wunderte er sich, „da bist du ja mitten im Ostblock! Unterschätze nicht die Gefahr. Alle östlichen Geheimdienste treiben sich dort herum. Sie können dich jederzeit um die Ecke bringen, ohne dass ein Hahn nach dir kräht!“

So glaubte er warnen zu müssen. Aber ich ignorierte die Mahnung und ging trotzdem. Während dieser Zeit in Wien verlor ich im Spätjahr 1983 Caraions Spur. Dann wurde es ruhiger um den Dichter. Einiges von ihm las ich noch in der ExilzeitschriftDialog, die Ion Solacolu mit viel Mühe aus eigenen Mitteln herausgab. Solacolu war fast bis zu seinem Sterbetag um ihn und half ihm dabei, etwas Ordnung in seine Manuskripte zu bringen. Schwerkrank konnte Caraion kaum noch zehn an Stück Minuten arbeiten.

Als Caraion im Sommer 1986 recht vereinsamt und selbst im Exil exiliert starb, verlor sein Land eine komplexe Kulturpersönlichkeit, die einige Rätsel mit ins Grab nahm. Ob er ein Gewissen war, wie lange angenommen wurde? Oder ob er doch als eines jener vielen prominenten Opfer der Diktatur angesehen werden konnte, die auf dem Weg in die Freiheit scheitern mussten, bevor sie noch etwas von dem helleren Licht eines bald freier werdenden Alten Kontinents hatten sehen können? Ich weiß es immer noch nicht!

Doch ich bleibe bei meiner Apologie!

Ion Caraion war lange Jahre seines aktiven Lebens eine Stimme der Verfolgten; in der Zeit der Illegalität vor 1945 ebenso wie in den späten Tagen seines Exils. Er liebte sein Volk, seine Sprache und er vergaß sein Volk, an dessen Befreiung vom Kommunismus er glaubte, nie.

Einer seiner letzten Appelle, die über den Äther gingen, ist der Freiheit gewidmet. In einem Aufruf zur Selbstfindung appelliert Caraion in Rückbesinnung auf die Leiden und das Vorbild Christi an das rumänische Volk, den Glauben an die politische Emanzipation niemals aufzugeben. Mit dem ihm eigenen romanischen Pathos setzt er auf die inneren Werte jedes Menschen, wenn er verkündet: Eingesperrt könnt ihr noch freier sein als die, die euch einsperrten; die jetzt vor Angst zittern, obwohl ihr unbewaffnet seid und sie in voller Rüstung dastehen. Die Peitsche vermodert wie die Mauern verfallen. Das Licht der Freiheit leuchtet aus eurer Wesenheit hervor, eine Freiheit, die sie nicht sehen, die sie aber fürchten. Sie wird bald die Sprache des Sieges finden, weil der Samen der Freiheit, wie ihr wisst, ewig ist und ewig unüberwindbar sein wird. Er sprießt nach zehn Jahren, nach hunderten von Jahren, ja nach tausenden von Jahren unter tausend labyrinthischen Wirrungen wieder hervor.“

Es ist eine Eloge auf die Freiheit, ein Hymnus! Es sind Worte der Selbstbesinnung auf die eigene innere Freiheit, auf die Selbstbestimmung des Subjekts, die auch von Mark Aurel oder anderen stoischen Philosophen hätten stammen können. Sicher wurden sie im kommunistischen Rumänien gehört und fielen vielleicht auf fruchtbaren Boden. Wer nur diese evozierenden Worte hörte, der interpretiert sie, fern von jeden biographischen Implikationen, textimmanent wie ein Gedicht. Er hört, ohne den Autor zu kennen, auf die unmittelbare Botschaft, versucht diese zu verstehen und zu deuten - und viele Botschaften Caraions, der heute am moralischen Pranger steht, waren keine Botschaften der Niedertracht, sondern Botschaften der Freiheit.




Atheneul Roman - Rumänisches Athenum




Auszug aus: Carl Gibson,

Symphonie der Freiheit

Widerstand gegen die Ceauşescu-Diktatur

Chronik und Testimonium einer Menschenrechtsbewegung

in autobiographischen Skizzen, Essays, Bekenntnissen und Reflexionen,

Dettelbach 2008, 418 Seiten -

 

Leseprobe,

Foto:Carl Gibson


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