Sonntag, 6. Januar 2013

Pour le Mérite! Appell an den Großen Bruder! Von der Freiheit, die sie meinten …



Leseprobe, aus Carl Gibson, Symphonie der Freiheit

Pour le Mérite! Appell an den Großen Bruder! Von der Freiheit, die sie meinten …


 

Als dann Helmuth Frauendorfer 1985 spontan verhaftet, verhört und von der Securitate verprügelt wurde, protestierten die fünf oben genannten Dichter, denen sich Johann Lippet, Dramaturg am Deutschen Staatstheater in Temeschburg und Balthasar Waitz, der in der gleichen Stadt einen weiteren Literaturverein leitete, anschlossen, in einem umfassenden Protestbrief an die Kommunistische Partei am Ort.

Der Protestbrief, den ich als wichtiges und vor allem decouvrierendes Beweisstück werte, ist nicht an Staatsführer Ceauşescu gerichtet, wie gelegentlich suggeriert wird, sondern namentlich an den Ersten Parteisekretär der Kommunisten Cornel Pacoste adressiert; nomen est omen auch hier: Das rumänische Wort Pacoste bedeutet nichts anderes als Heimsuchung oder Unheil!

William Totok hat das aussagekräftige Dokument zusammen mit anderen Zeugnissen aus jener Zeit in seinen Zwängen der Erinnerung veröffentlicht. Es ist gleichzeitig das erste Dokument, aus welchem hervorgeht, dass sich auch Herta Müller, aus deren Feder ich bis dahin nichts Regimekritisches kannte, in Opposition begab, allerdings eingebettet in eine Gruppe von sieben Personen.

Das ambivalente Verhältnis Kunstschaffender zur Partei und Securitate, von Rolf Bossert noch in abstrakten, ja verschlüsselten Worten umschrieben, erscheint in dem Schreiben der Literaten an den örtlichen Parteisekretär, das allerdings noch vor Berwangers Flucht abgeschickt worden war, als Klartext exponiert. Dort heißt es unmissverständlich: Am 19., 20. ,21.und 24. Juli und am 20. August dieses Jahres ist unser Kollege Helmuth Frauendorfer, Absolvent der Philologischen Fakultät in Temeswar (1984), der ein beachtliches literarisches Debüt sowie eine vielseitige künstlerische Betätigung ( er hat die Theatergruppe des Studentenkulturhauses betreut) und eine publizistische Tätigkeit (…) aufzuweisen hat, vom Sicherheitsdienst und zwar von Oberstleutnant Nicolae Păduraru und von Major Ioan Adamescu verhört worden. Während des Verhörs ist unser Kollege beschimpft und beleidigt  worden. Er wurde aufgefordert, vorformulierte Erklärungen zu unterschreiben, in denen er bestätigt, dass er „staatsfeindliche Gedichte“ schreibe und ähnliche Aktivitäten betreibe. Ebenso hat man von ihm gefordert, Erklärungen zu unterschreiben, die besagen, dass wir, die wir diese Beschwerde unterzeichnen, ihn im Sinn dieser „staatsfeindlichen Aktivitäten“ beeinflusst hätten. Dies, so der Sicherheitsdienst, sei auch durch den Literaturkreis „Adam-Müller-Guttenbrunn“ geschehen, der von Oberstleutnant Păduraru als „Räuberhöhle“ bezeichnet worden ist. Die „Räuberhöhle“ wird vom Schriftsteller Nikolaus Berwanger, Sekretär des Schriftstellerverbandes geleitet. Einige der Unterzeichner dieser Beschwerde sind Mitglieder des Literaturkreises.

Während die Securitate ganz nach den Gepflogenheiten in der breiteren Gesellschaft nun auch Literaten mit Kriminalisierungsabsicht ins Visier nahm, suchten diese den altbewährten Schutzschild zu aktivieren, ohne zu ahnen, dass Mentor Berwanger de facto resigniert, ja sein Heil bereits in Flucht und Absetzung gefunden hatte.

Die Kunst der Fuga - auch hier!

Der stramme Antifaschist von gestern war sich plötzlich selbst der Nächste, vor allem, als er merkte, dass seine Landsleute in großen Scharen und hellster Panik davonliefen, Haus und Hof verschleuderten, nur um den scheinbar ewig zementierten Kommunismus für immer zu hinter sich zu lassen.

Der kleine Lotse, der gleichzeitig der große Kapitän war, ging vom sinkenden Schiff und lies die sich selbst überlassene Mannschaft zurück, ohne Steuermann und Kompass, mitten im aufziehenden Sturm - und ohne Beiboot! Das war Solidarität und Moral in der Form sozialistischer Nächstenliebe. Zuerst komme ich! Und nach mir – die Sintflut!

Wir haben uns entschlossen, heißt es in der Solidaritätsbekundung der jungen Literaten weiter, diesen Brief zu schreiben, da der Zwischenfall mit unserem Kollegen, der - nebenbei gesagt - mit einem schriftlichen Verweis endete, nicht der erste dieser Art ist. Seit Jahren werden wir von den Vertretern des Innenministeriums aus Temeswar belästigt. Was wir schreiben, wird tendenziös umgedeutet, um zu beweisen, dass unsere Tätigkeit subversiv ist. Man verweigert uns Auslandsreisen, es fanden Hausdurchsuchungen und Festnahmen statt. Einigen Kollegen wird die Aufnahme in den Schriftstellerverband verweigert, obwohl sie die nötigen Bedingungen dafür erfüllen. Junge Schriftstellerkollegen, die am Anfang ihrer literarischen Laufbahn stehen, werden eingeschüchtert oder durch Erpressungen gezwungen, mit dem Sicherheitsdienst zusammenzuarbeiten u.a.m.

Dieses etwas aufmüpfig gehaltene Briefdokument verweist zwar auf gängige Praktiken der Securitate, ist aber noch längst kein Beweis gezielter Dissidenz, da ihm, von der erwähnten Verprügelung eines Dichters abgesehen, die eigentliche Substanz fehlt.

Im Grunde fordern die Literaten nur Marginales, das eigentlich selbstverständlich sein müsste: Der sozialistische Staat möge ihnen - den bisher weitgehend Privilegierten und Gehätschelten, die großzügig ihre Büchlein drucken durften, weiterhin die Möglichkeit einräumen, nach eigenem Geschmack und nach ihrer Fasson Literatur zu produzieren. Als Lohn sollte auch ihnen die Aufnahme in den Olymp der Dichter, in den Parnass von Bukarest, gestattet sein!

Freiheit in der Kunst? Gleichberechtigung der Kunstschaffenden aller Nationalitäten! Dagegen ist nichts einzuwenden. Überall auf der Welt sollten diese Prinzipien eine Selbstverständlichkeit sein!

Collage von Carl Gibson
 

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